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Landgrens Hommage an Bernstein

Landgrens Hommage an Bernstein

Nils Landgren – auch genannt „Mister Red Horn“, der Mann mit der roten Posaune – gilt als einer der erfolgreichsten und vielseitigsten europäischen Jazz-Musikern. Nun hat er zu seinem 60. Geburtstag ein aufwändiges Album mit Musik von Leonard Bernstein produziert.

Er weiß, dass es "viel einfacher ist, mit dem Publikum zu arbeiten, als gegen es". Wenn der Schwede Nils Landgren, der am 15. Februar seinen 60. Geburtstag feiert, erfolgreich ist weit über den üblichen Zirkel der Jazzgemeinde hinaus, hat das unbedingt auch mit diesem Ansatz zu tun. Esprit und Enthusiasmus machten den Mann mit der roten Posaune zu "everybody's darling". Überdies kennzeichnet ihn eine geradezu beängstigende Präsenz: An gut zwei Dritteln der Tage eines Jahres steht er auf irgendeiner Bühne. Er ist begnadeter Entertainer, Motivator, Lehrer, glänzender Instrumentalist, Polystilist, Produzent, Festivalmacher, Netzwerker, Bigbandförderer und anrührender Sänger. Seine "Funk Unit" ist ebenso eine Institution wie die regelmäßigen Weihnachtseinspielungen mit seinen Freunden. Er schlägt Brücken zwischen den Stilen und ist ein Gegensätze vermittelnder Sympathieträger.

Es ist also wenig überraschend, dass aus Anlass seines runden Geburtstags auch ein neues Album erscheint. Und zwar nicht irgendein weiteres, sondern das am aufwendigsten produzierte innerhalb seiner wahrlich opulenten Discografie. Gemeinsam mit seinem Quartett - Pianist Jan Lundgren, Bassist Dieter Ilg und Schlagzeuger Wolfgang Haffner - nimmt Nils Landgren sich in einem Dutzend Adaptionen des Werks von Leonard Bernstein an (1918-1990). Als Komponist und Dirigent ein Grenzgänger, verhehlte der nie sein Faible für Jazz, doch wurde sein Werk bis dato vom Genre eher links liegengelassen.

Landgren nun widmet sich ihm bekenntnishaft und in voller Breitseite. Dazu hat er als zweite Stimme die New Yorkerin Janis Siegel gewinnen können, sonst Mitglied des A-Capella-Quartetts "The Manhattan Transfer". Sie verstärkt den uramerikanischen Spirit dieser Produktion, indem sich ihr Gesang organisch mit dem anrührend fragilen Landgrens verschränkt. Damit das Album changiert zwischen Jazzidiom und sinfonischem Gestus, verstärken 18 Musiker der Bochumer Sinfoniker das Ensemble. Der geniale Arrangeur Vince Mendoza wählte dazu jedoch nicht - wie zu erwarten gewesen wäre - die Streicher aus, in deren Bett die Songs dann weichgespült würden, sondern ausnahmslos Bläser: Oboe, Fagott, Tuba, Waldhörner, Klarinetten.

Das hebt die Interpretationen über simplen Musical-Standard, gibt ihnen etwas nobel Kunstvolles, ohne dass sie deswegen verkopft wirken würden. Viel zu beseelt ist das alles. Landgren schmeichelt mit seiner Posaune emotional zugeneigt, Janis Siegel addiert Broadway-Flair, die Band akzentuiert punktgenau dezent und die Symphoniker machen alles zu etwas Größerem. Absolut geschmackssicher, ergibt das ein musikalisches Bekennerschreiben, das sich nicht nur von der legendären "West Side Story", sondern auch von weniger bekannten Vorlagen abhebt. Als "immer emotional und menschlich" beschreibt Landgren die Ausgangsstoffe, beste Voraussetzungen also für diese rundum stimmige Hommage eines Vollblutmusikers.

Nils Landgren with Janis Siegel: Some other time (ACT/edel:kultur).