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Konzert: Küssen kann man nicht alleine

Konzert : Küssen kann man nicht alleine

Max Raabe und sein Palast Orchester bewiesen in der Saarlandhalle einmal mehr ihre Klasse.

Wie findet man sich? Wie lernt man sich kennen? Und wie wird man sich wieder los? „Das hat mir noch gefehlt (dass du jetzt einen andren liebst)“ heißt die aktuelle Konzerttour, auf der sich Max Raabe mit seinem Palast Orchester diesen großen Fragen des Lebens widmet. Am Samstag machte der Sänger Station in der Saarlandhalle, wo es eine Weile dauerte, bis der Saal in Stimmung kam – der eine oder die andere brauchte angesichts des Themas wohl ein Sektchen in der Pause, um nachklingenden Herzschmerz wegzuprosten.

 Aber genau darum geht’s ja bei der von Raabe gepflegten Nostalgie: die Realität, die in der Wirklichkeit oft ganz anders aussieht, für ein paar Takte auszublenden. Dafür hatten sich viele schick in Schale geworfen, und auch das Palastorchester war schnatz wie immer: Die ganze Kapelle wirkte wie frisch gebadet und pomadisiert und sprühte vor Spielfreude. Da waren viele kleine Aktionen fein durchchoreografiert; insbesondere der Schlagwerker und der Pianist warfen einander mit Verschwörermiene die Bälle zu. Überhaupt – dieser Kerl am Flügel, der im Lauf des Abends auch noch zum Akkordeon griff. Ein Typ wie Cary Grant, geradezu unverschämt elegant und komisch zugleich, der alles mit Blicken und Haltung kommentierte und hemmungslos mit dem Publikum flirtete. Den seriösen Gegenpart gab der süffisant moderierende Raabe, der bei jedem Titel korrekt Komponist, Texter, Entstehungsjahr und oft auch noch den Tanzrhythmus nannte. Und der mit gewandtem Ausfallschritt bescheiden nach hinten ins Dunkel verschwand, um den Solisten den Vortritt zu lassen, die er hernach jeweils höflich mit Namen vorstellte.

 Immer wieder ein Genuss sind auch die authentischen, originellen Arrangements der frechen Titel, egal ob gecovertes Original oder im Stil der goldenen Zwanziger neu komponiert: Bei schmissigen Paso Dobles, kessen Charlestons oder bedeutungsschwangeren langsamen Walzern schmeicheln die Saxophone wie ein warmer Sommerregen, das Bass-Saxofon pupst, die Geige der einzigen Frau im Orchester schluchzt zum Steinerweichen, und Sousaphon und Stabspiele betten alles auf luxuriösen Flausch. Dazu knarzt Raabe im trockenen Bariton oder zieht unnachahmliche Schnütchen, um mit klagender Kopfstimme Vokale zu zerdehnen. Aus der kleinen Konditorei ging’s „mit dem Schwein um die Welt“: Seinen großen Hit „Kein Schwein ruft mich an“ präsentierte Raabe als folkloristisches Medley. Was bleibt, außer der Erkenntnis „Küssen kann man nicht alleine“? Fundamentale Weisheiten wie die, dass man einen Menschen nicht beim Kennenlernen kennen lernt, sondern wenn man sich trennt. Sowie die unbeantwortete Frage, wer den Unsinn mit den Schmetterlingen im Bauch erfunden hat. Ein Vegetarier, vermutet Raabe, wird’s nicht gewesen sein.