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Künstlerhaus-Lesung: Guy Helminger und sein hinreißender Gedichtband "Die Tagebücher der Tannen"

Lesungen : Früchte des „Synapsen-Zappings“

Guy Helminger las im Saarländischen Künstlerhaus aus seinen grandiosen Gedichten.

Wie macht der Helminger das? Im Künstlerhaus las der in Köln lebende luxemburgische Schriftsteller am Montag aus seinem neuen Gedichtband „Die Tagebücher der Tannen“, dem man gleich erlag. Schon mit dem ersten Gedicht, das der Autor mehr performte als las. „Besuch zweier Männer“ meißelt er uns ein Konterfei modernen Nichtverstehens vor die Nase: „Kam ich zu ihnen oder sie zu mir? / Jedenfalls gab es da diese flach / gearbeitete Silhouette eines Gesprächs“. Für das nächste, das von einem Huhn handelt und berückende Verse wie „über uns eine Leinwand aus Amseln“ oder „der Wind hier mochte Metaphern“ beherbergt, stand Helminger bereits siegessicher auf. Um es volltönend zu deklamieren.

Geheimniserkundung am Tag nach der Lesung, Helmingers Gedichtband detektivisch zerpflückend: Wie macht er das bloß? Zum Beispiel, indem Helminger Dingwelt und Naturerscheinungen ganz neu einkleidet und sie im Handumdrehen personifiziert. Oder abenteuerlich gut passende Metaphern findet wie in „Kölner Sommer“: „Im ausverkauften Bus war diese sandige Trockenheit / der Steppe Die Wiesenstriche spiegelten sich darin / als habe jemand den Essay des Eigentums mit grünem / Textmarker gelesen Selbst an den Supermarktkassen / lagen später Flächen voller Geduld“. Helminger, im Künstlerhaus von Gastgeber Hans Gerhard fast ehrfürchtig als „Suhrkamp-Autor“ eingeführt und zurecht mit Vorschusslorbeeren überschüttet („das sind richtig, richtig großartige Gedichte“), gab zwischendurch selbst Einblick in seine Schreibwerkstatt: Was ihm auf Spaziergängen oder in Gesprächen auf- und einfällt, notiere er und archiviere es wahlweise als Roman-, Prosa- oder Gedicht-Material, ließ er uns wissen. „Ich hab’ etwa seitenweise Lichtbetrachtungen gesammelt oder Erfahrungen mit Wind.“

So gleichen diese Gedichte dann am Ende synästhetischen Karambolagen, die aus dem Aufeinanderprallen ihrer Sprachbilder Funken schlagen. Es gehe ihm um die Rekonstruktion von Augenblicken, erklärte Helminger zwischen den vorgetragenen Gedichtsalven. Ums Nachzeichnen der „Parallelität aller möglichen Dinge“, wobei er auf „Synapsen-Zapping“ setze. In seinem verkappten Liebesgedicht „Gereizte Stille“ klingt das wie in dichten Ironie-Nebel getaucht: „Ihr Wortschatz passte in eine Brotdose // Ich trank warmen Tequila mit ihr / Barhocker unter uns wie Wohneinheiten / für geringes Budget // Ein Linguist der uns beobachtete nannte / das: Reduzierung der Artikulation als / kompensatorisches Spracherziehungsprogramm / Ich nannte es Liebe“.

Als Helminger später dann aus seinem Reisetagebuch „Die Allee der Zähne“ las, das Impressionen einer 2007 unternommenen dreiwöchigen Iranreise bündelt, schrumpfte der übergroße Dichter wieder auf Normalmaß. Seine journalistische Reiseprosa reicht an seine Lyrik nicht heran. Deren Goldlegierungen trübt allein, dass Helminger bisweilen eine metaphorische Pirouette zu viel dreht und dann leicht ins Manierierte abdriftet.

Guy Helminger: Die Tagebücher der Tannen. Gedichte. Edition Rugerup, 140 Seiten, 19,90 €
Guy Helminger: Die Allee der Zähne. Aufzeichnungen und Fotos aus Iran. Capybarabooks, 132 S., 17 €