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Künstler Richard Hoffmann aus Lebach denkt mit 91 nicht ans Aufhören

Ein Atelier-Besuch bei Richard Hoffmann : Körper aus Bauschaum

Der Künstler Richard Hoffmann feiert in wenigen Wochen seinen 92. Geburtstag. Zeit für einen kleinen Atelierbesuch in Lebach.

Der Lebacher Künstler Richard Hoffmann ist selbst im Saarland nur wenigen Kunstkennern ein Begriff. Woran das liegt, wird schnell klar, wenn der 91-Jährige erzählt, dass er sich nie groß um Ausstellungen seiner Werke geschert und Galerien und den Kunstmarkt eher gemieden habe. So ist sein Werk in der Öffentlichkeit kaum sichtbar, obwohl er einige bedeutende Werke im öffentlichen Raum geschaffen hat.

Richoff, wie er sich selbst mit Künstlernamen nennt, gehört zu den großen Künstlern des Saarlandes. Mit gerade einmal 19 Jahren schaffte er 1949 als einer der ersten Studierenden die Aufnahme an die Schule für Kunst und Handwerk in Saarbrücken, studierte unter Franz Masereel und Boris Kleint und durfte mit einem Stipendium nach Paris. Die Zeichnungen und Gemälde aus diesen Jahren offenbaren das große Talent des jungen Mannes. Seine damaligen Vorbilder sind offensichtlich: vor allem Cézanne hatte es ihm angetan, aber auch Expressionismus und kubistische Formensprache finden sich im Frühwerk. Anfang der 1960er Jahre wurde sein Werk zunehmend abstrakter. Hoffmann blieb stets in der Figuration verhaftet, trieb aber das Spiel mit der Abstrahierung so weit, dass Bildinhalte kaum noch zu dechiffrieren sind.

Eines seiner bedeutendsten Werke wird das „Mahnmal des Friedens“ im offenen Erdgeschoss des Schaumbergturmes aus dem Jahr 1976. Im Zentrum unter dem Tonnengewölbe steht ein optisch zweigeteilter Altar, der von einem Metallband zusammengehalten zu werden scheint und dessen Inschrift fordert: „Suchet den Frieden – cherchez la paix“. Dahinter eine Bronzeplastik aus einem Geflecht menschlicher Körper, das die schicksalhafte Verstrickung und Ausweglosigkeit verfeindeter Völker symbolisiert. Die ekstatischen Verrenkungen erzählen von Leid und Verzweiflung. Außerdem schuf Hoffmann neben seiner Tätigkeit als Kunstpädagoge am Lebacher Kepler-Gymnasium Brunnen, Fassaden und Plastiken für den öffentlichen Raum.

In den 1980er Jahren wendete sich Hoffmann verstärkt dem menschlichen Körper zu. Doch der Maler ist unzufrieden: „Ich musste erkennen, dass es in der Kunst keine absoluten Neuschöpfungen mehr geben kann und ich nichts mehr schaffen kann, was nicht wie eine Kopie vorausgegangener Stile wirkt.“ Die Wende brachte am 20. Januar 1991 eine Fernsehsendung im ZDF zur Zell- und Genforschung. Die Dokumentation monierte, dass die Themen in der Gegenwartskunst kaum auftauchten. Hoffmann erkannte sein neues Credo, Kunst und Wissenschaft zu vereinen. Schon Mitte der 1980er Jahre hatte der Künstler begonnen, seine Torsi aus einem Geflecht von Linien und zellartigen Strukturen zu entwickeln. Immer stärker zersplittern seine Figuren in der Folgezeit in zellförmige Fragmente. Linien und Gitterstrukturen bestimmen die Form. Die Zelle als Grundlage allen Lebens wurde zum alles bestimmenden Bildinhalt. „Zelltektionistische Malerei“ taufte er seinen neuen Stil.

Anfangs sich noch malerisch und zeichnerisch vortastend, begann Hoffmann Ende der 1990er Jahre mit bildhauerischen Arbeiten im neuen Stil. Die Torsi wirken, als habe man ihnen die Haut abgezogen und über die Körperstrukturen die Seele freigelegt. Die Form des menschlichen Körpers besteht aus einer unregelmäßigen beulig-blasigen Oberfläche. Hoffmann schafft sie aus Metalldraht, den er mit Bauschaum umhüllt. Meisterhaft versteht er es, das Material zu formen, ohne es nachzuarbeiten. Er spritzt den Schaum aus der Dose und zieht die beim Trocknen entstehende Haut, bis es passt. Zum Abschluss werden die Werke mit einer Schicht Autolack eingefärbt und geschützt.

Mit fast 92 Jahren betritt Hoffmann nun die große Bühne. Der Hamburger Galerist Nour Nouri wurde durch einen Kunstsammler auf Hoffmann aufmerksam und zeigt sich begeistert. Der Galerist möchte ab März 2022 mindestens 46 europäische Künstler in Peking ausstellen. Acht Bilder möchte Hoffmann in die Ausstellung schicken, von denen dann ein oder zwei Arbeiten zu sehen sein sollen. Doch den Transport muss er selbst zahlen und der ist teuer: „Eigentlich wollte ich größere Arbeiten schicken, doch das ist nicht bezahlbar. Nun versende ich kleinere Arbeiten und hoffe auf Sponsoren“, sagt der Künstler. 

  Ein bedeutendes Richoff-Werk ist das „Mahnmal des Friedens“ im offenen Erdgeschoss des Schaumbergturmes aus dem Jahr 1976.
Ein bedeutendes Richoff-Werk ist das „Mahnmal des Friedens“ im offenen Erdgeschoss des Schaumbergturmes aus dem Jahr 1976. Foto: Dorothee Wendel

Während Gerhard Richter im Zuge der Entwicklung der Fenster für die Abtei in Tholey verkündete, mit 92 nicht mehr künstlerisch arbeiten zu wollen, ist Hoffmann vom Ruhestand noch weit entfernt: „Die Kunst ist mein Lebenselixier“, verkündet er mit wachem Blick und wuselt durch Haus und Atelier in Lebach. Ans Aufhören denkt er noch lange nicht.