Kritik zum Film „Depeche Mode: Spirits in the Forest"

Der Film „Depeche Mode: Spirits in the Forest“ läuft - sehr kurz – im Kino : Endstation Sehnsucht: Depeche Mode auf der Waldbühne

Ein merkwürdiger Film, der manchen Fan enttäuschen könnte. Einen üblichen Konzertmitschnitt, der beim ersten Stück beginnt, nach der Zugabe endet und zwischendurch ein wenig hinter die Bühne blickt, sollte man nicht erwarten.

Erwarten sollte man auch keinen ambitionierten Konzert-Dokumentarfilm wie „101“, den D. A. Pennebaker vor 30 Jahren mit und über Depeche Mode drehte. Anton Corbijn schlägt mit „Depeche Mode: Spirits in the Forest“ einen anderen Weg ein; der Regisseur („The American“), Fotograf und auch Bühnengestalter ist der britischen Band seit langem verbunden, er gestaltet Plattencover für sie und drehte ab den 1980ern Videoclips mit ihr: Die frühen, wie „Strangelove“ oder „Never let me down again“, waren in ihrer grisseligen, körnigen Super-8-Ästhetik und in Schwarzweiß prägend für den Imagewandel der Band zu jener Zeit - von Synthiepoppern zu einer Electroband, die auch mit Rock und Blues (siehe „Personal Jesus“) sehr gut zurechtkommt.

Corbijns Film, der ausschließlich am 21., 24. und 26. November in knapp 2400 Kinos weltweit zu sehen ist (bevor es in Richtung Heimkino geht), zeigt Momente von den letzten Konzerten der Tournee zum Album „Spirit“ am 23. und 25. Juli 2018 auf der Berliner Waldbühne. Aber eben nur Momente: Die Auftritte bilden eher den Hintergrund für die Geschichte von sechs Depeche-Mode-Fans auf dem Weg zur Waldbühne, die Corbijn aus ihrem Leben erzählen lässt und davon, was sie mit der Band und der Musik verbindet. Mit ihnen beginnt der Film. Da ist Indra Amarjargal, 22 Jahre alt, in der mongolischen Hauptstadt Ulaanbaatar; sie sortiert ihre Vinylplatten der Band und erzählt von der ersten Begegnung mit deren Musik (ihr Vater war Fan), bei Fahrten aufs Land im Teenie-Alter - ohne die Texte zu verstehen. Jetzt macht sie sich via Moskau auf nach Berlin. Das ist auch das Ziel von Dicken Schrader aus Kolumbien, der von seinen – nach der Trennung von seiner Frau - fernen Kindern erzählt; mit denen hat er das Depeche-Mode-Covertrio DMK gegründet, das die Hits der Band in charmanten Versionen neu einspielt. In Bukarest macht sich derweil Christian Flueraru auf den Weg und erzählt, wie das damals so war mit West-Pop wie Depeche Mode in Rumänien. Im staatlichen Radio lief so etwas erst nach dem Sturz von Diktator Ceausescu; und seine erste legale Schallplatte von Depeche Mode wollte er dann gar nicht auf seinem antiquierten und wohl kaum vinylschonenden Plattenspieler laufen lassen – dann doch lieber die alte Raubkopie-Cassette.

Indra Amarjagal, Depeche-Mode-Fan aus der Monogolei, mit der der Film beginnt. Foto: Columbia/Trafalgar Releasing

Die Bindung von Carine Puzenat aus Perpignan an die Band ist da dramatischer: Im Alter von 25 verlor sie all ihre Erinnerungen – aber als sie, es klingt ein bisschen wie aus einer Filmschnulze, ein altes Depeche-Mode-Video sah, wurde ihr bewusst: Das kannte ich mal und mochte es sehr. Therapeutische Wirkung hatte die Band in gewissem Sinn auch bei Elizabeth Dwyer aus Los Angeles, die von der Musik der Gruppe per Kopfhörer durch ihre Bestrahlungstherapie nach einer Krebserkrankung begleitet wurde – der Film zeigt Dwyer sogar bei einer Nachuntersuchung, Regisseur Corbijn scheint ein großes Vertrauen genossen zu haben; Daniel Cassus aus Berlin halfen einige Songs in einer schwierigen Phase: beim Coming-Out vor seinen Eltern, die ihn doch viel lieber mit Freundin gesehen hätten als in der Ehe mit einem Mann.

Viel Persönliches also gibt es im ersten Filmdrittel, das sich ganz auf diese sechs Menschen konzentriert, während das Waldbühnenkonzert nur schlaglichtartig am Rande erscheint, mit Sänger Dave Gahan, der seine Qualitäten als unermüdliche Rampensau mit Stolzieren und Posieren zelebriert, mit heftig bekreischtem Popowackeln und einem phallusverlängernden Mikrofonständer zwischen den Beinen. Nachdem die Fans und ihre Geschichten reihum vorgestellt sind, öffnet sich „Spirits in the Forest“ etwas mehr in Richtung Konzertfilm; die Szenen auf der Bühne werden länger ausgespielt, wobei Corbijn – bei dieser Tournee auch der „artistic director“ – die meisten Songs mit dem Persönlichen der befragten Fans verbindet: So liegt Dicken Schrader, der getrennt von seinen Kindern lebt, besonders das Scheidungsstück „Precious“ am Herzen (er bricht beim Konzert in Tränen aus); und „Where’s the revolution“ steht besonders dem Rumänen Christian nahe, der Ceausescu noch erlebt hat.

Regisseur Anton Corbijn war auch „artistic director“ bei der Tournee. Foto: Columbia/Trafalgar Releasing

Es ist über lange Zeit ein Hin und Her zwischen persönlicher Erzählung und Konzert, zwischen Momenten der Intimität und des Riesenkonzerts – eine zwar reizvolle Kontrast-Konstruktion Corbijns, die aber auch frustrieren kann. Eine dichte Konzertatmosphäre will sich kaum einstellen, wird die Musik doch regelmäßig unterbrochen; und wirklich in die Tiefe gehen kann der weniger als anderthalb Stunden laufende Film bei den persönlichen Geschichten nicht, bei einem halben Dutzend Menschen, von denen man wohl jedem eine Doku hätte widmen könne – nicht zuletzt der Französin, die ihr Gedächtnis verliert, ihre Eltern nicht mehr erkennt, lesen und schreiben neu lernen muss. Da übernimmt sich der Film, der manchmal auch ungelenk ist: Da erzählt der Berliner Daniel etwas unvermittelt, dass ja auch David Bowie ein wichtiger Einfluss für ihn und für die Band gewesen sei – und die spielt dann prompt eine Coverversion von Bowies „Heroes“. Die allerdings hat es in sich, geht schön langsam und unpathetisch zu Werke.

Das letzte Drittel des Films (der Bandmanager ist einer der Produzenten, die Band fungiert als „executive producer“) gehört dann mehr der Musik als den Fans, mit einer langen Version von „Personal Jesus“, mit „Enjoy the Silence“, dem Popmelancholie-Meisterstück der Band, dann dem zeitlosen und wuchtigen „Never let me down again“ und dem Frühwerk „Just can’t get enough“ von 1981, das der Film sehr charmant einführt: Erst sieht man die Französin Carine mit ihren Kindern zu dem alten, bunt-poppigen Video vor dem heimischen Fernseher tanzen, dann kann man in Berlin Gahan und Band sehen, wie sie das Stück mit eine gewissen liebevollen Ironie zelebrieren.

Elizabeth Dwyer, Fan aus Los Angeles. Foto: Columbia/Trafalgar Releasing

So ambitioniert das Konzept von „Spirits in the Forest“ auch ist – ganz geht es nicht auf. Richtig packen mag die Show, etwa mit Corbijns farbsatten Projektionen von Bierbildern, nicht, weil sie zu oft unterbrochen wird; und die persönlichen Erfahrungen der sechs Fans (oder acht, zählt man Schraders Kinder dazu) hätten mehr Raum gebraucht. Dennoch wird die Faszination der Band für ihre Fans deutlich, ganz abgesehen von der guten, aufwändigen Show – wobei Gahans Rockgott-Posen Geschmackssache bleiben. Depeche Mode spenden neben dem Gemeinschaftserlebnis des Konzerts einen gewissen Trost - wenn Gahan am Bühnenrand Hände der Fans berührt, hat das fast etwas Religiöses. Und Fan Dicken spricht für viele, wenn er sagt: „Es wirkt, als spräche die Band direkt zu einem selbst.“

Martin Gore (links) und Dave Gahan. Foto: Columbia/Trafalgar Releasing

„Depeche Mode: Spirits in the Forest“ läuft in der Region im Saarbrücker Cinestar (21. November, 20 Uhr; 24. November, 17 Uhr; 26. November, 20 Uhr) und in Saargemünd im Forum (21. November, 20 Uhr). Weitere Spielorte unter www.spiritsintheforest.com