1. Nachrichten
  2. Kultur

Konrad Beikircher über Corona, Geldverlust und seine Gespräche mit Sexualverbrechern.

Interview mit dem Kabarettisten Konrad Beikircher : „Wir Menschen sind die schlimmste Seuche überhaupt“

Der Kabarettist und Autor über eine „gewaltige Schiefheit“ in den Corona-Debatten – und über seine Gespräche mit Mördern und Sexualverbrechern.

Der Musiker, Autor und Kabarettist Konrad Beikircher ist gerade 75 Jahre alt geworden – Zeit für eine Zwischenbilanz.

Herr Beikircher, die Kunst- und Kulturszene ächzt unter den Corona-Belastungen. Wie geht es Ihnen?

BEIKIRCHER Furchtbar ist das. In diesem Jahr lebe ich von etwa 15 Prozent dessen, was ich letztes Jahr verdient habe. Fünf Monate null, jetzt wieder null, im neuen Jahr wahrscheinlich auch. Ich persönlich habe einige Reserven, aber es ist heftig. Und es gibt Kollegen und Häuser, die wesentlich schlimmer dran sind.

Werden die Folgen gut genug aufgefangen?

BEIKIRCHER Als Anfang November die Hilfen für Künstler angekündigt wurde, dachte man, ah, in einer Woche ist das durch. Allerdings scheint es noch einige Monate zu dauern – mal sehen, wer so lange überlebt. Sicher ist da Luft nach oben, auf der anderen Seite kann man nicht verlangen, dass der Staat den gesamten Ausfall ersetzt. Wichtiger wäre mir, dass die Politik sich vernünftige Gedanken macht – statt einem hysterischen Hin und Her. Natürlich ist es schwierig, eine Krankheit zu managen, die noch keiner so ganz genau kennt. Auf der anderen Seite sind etwa an Cholera weltweit 500 Millionen Menschen erkrankt – und das treibt kaum einen um. Angesichts dessen steckt in der aktuellen Debatte eine gewaltige Schiefheit. Es wäre schön, wenn die Politiker stärker abwägen würden, was man in Kauf nehmen will – da fehlt mir das Maß.

Manche hoffen, dass der Wert von Kino, Theater, Konzerten den Menschen durch den erzwungenen Verzicht bewusster wird. Wie sehen Sie das?

BEIKIRCHER Das ist zu spüren. In vielen Gesprächen höre ich: Mensch, jetzt mal wieder ein Konzert, das wäre toll. Das Bedürfnis nach lebendig gespielter Musik – und wenn es Justin Bieber wäre – ist ungeheuer groß. Dieses Bedürfnis wird niemals sterben, sondern umso mehr wachsen, je stärker es eingeschränkt wird.

Viele Künstler lassen sich von der Pandemie inspirieren. Haben Sie entsprechende Pläne?

BEIKIRCHER Ich bin ja immer kulturhistorisch unterwegs, und nun sammle ich Material zur Kulturgeschichte der Seuchen. Für mein neues Programm dachte ich mir, dazu muss man etwas machen. Corona ist nichts Neues, auch die Verschwörungstheoretiker nicht. Seit wir Menschen auf der Welt sind, gibt es Seuchen, und wir Menschen sind die schlimmste Seuche überhaupt.

Gibt es schon einen Arbeitstitel?

BEIKIRCHER „Kirche, Pest und neue Seuchen. When the shit hits the fan“ – diese englische Redewendung gefällt mir sehr gut, und die Kirche hat im Zusammenhang mit Seuchen unrühmliche Geschichtsblätter gefüllt. Vielleicht kann man sogar ein bisschen beruhigen. Die nächste Pandemie wird kommen – da kann ein wenig Wissen hilfreich sein.

Apropos Kirche: Sie haben einmal gesagt, Weihnachten und Blues seien quasi Synonyme, wenn Menschen allein sind. Wie kann man den Blues in diesem Jahr bekämpfen?

BEIKIRCHER In diesen Blues sollte man sich nicht hineinfallen lassen. Es gibt viele Möglichkeiten, in Kontakt zu bleiben – über Skype oder E-Mail, zum Beispiel. Es ist immer noch besser, über ein schnödes IT-Instrument mit jemandem zu sprechen, als nichts zu tun und sentimental zu werden. Als ehemaliger Psychologe weiß ich, dass es hilft, die Feiertage zu strukturieren. Das kann damit beginnen, um neun Uhr aufzustehen und eine halbe Stunde zu frühstücken – und sich nicht den Kaffee ins Bett zu holen, um dann doch in den trüben Kessel zu sinken. Solche Kleinigkeiten helfen.

Welche Lektion haben Sie als Gefängnispsychologe in der JVA Siegburg gelernt?

BEIKIRCHER Die Lektion, dass ich nicht anders bin als jeder andere. Ich hatte nie das Problem, mich als etwas Besseres zu empfinden. Aber in den Gesprächen mit Mördern oder Sexualstraftätern, die oft aufwühlend waren, bin ich meinen eigenen Abgründen begegnet. Warum wird jemand zum Mörder, jemand anderes nicht? Diese Auseinandersetzung hat mir sehr geholfen, eigene Krisen zu bewältigen. Nur, wenn man sich diesen Abgründen stellt, kann man sinnvoll mit ihnen umgehen.