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König Baumwolle und der Kriegskapitalismus

König Baumwolle und der Kriegskapitalismus

Krieg, Sklaverei und Ausbeutung – Sven Beckert rollt die brutale Geschichte des Kapitalismus anhand eines Produktes auf, das wir alle selbstverständlich am Leib tragen: der Baumwolle. Morgen stellt er sein Buch auf Einladung der Stiftung Demokratie und der Böll-Stiftung in Saarbrücken vor.

1127 bangladeschische Textilarbeiter sind beim Gebäudeeinsturz des Rana Plaza am 23. April 2013 gestorben - 2438 wurden verletzt. Das alles, weil sie von Fabrikbetreibern zur Arbeit im einsturzgefährdeten Gebäude gezwungen wurden. Der schwerste Fabrikunfall in Bangladesch führte der Welt die unmenschliche Verwertungslogik und die Arbeitsbedingungen eines Gewerbes vor Augen, dessen Produkte überall zu Discountpreisen gekauft werden. Dass dieses Unglück kein Einzelfall in der Geschichte der Textilindustrie ist, weist Sven Beckert in seiner brillant geschriebenen Studie "King Cotton" nach.

Um den im Untertitel formulierten Anspruch einer "Geschichte des globalen Kapitalismus" einzulösen, hat der in Harvard lehrende Historiker viele Archive durchforstet und sich derart intensiv mit dem Thema beschäftigt, dass seine Kinder glaubten, er sei ein "Professor für Baumwolle". Das opus magnum rollt auf 500 Seiten (davon 100 Seiten Anmerkungen) die 5000-jährige Geschichte des weißen Goldes, seiner Verarbeitung und seines Aufstiegs zur weltweit gehandelten Massenware auf - mit Schwerpunkt auf dem 19. Jahrhundert, in dem King Cotton die Weltwirtschaft dominierte.

Beckert nimmt einen grenzüberschreitenden und empiriegestützen Blickwinkel ein: Denn die Ursprünge der Baumwollverarbeitung sind mittels archäologischer Funde und schriftlicher Zeugnisse in Asien, Afrika und Südamerika zu verorten. Eben genau dort, wo Baumwollsträucher natürlich wachsen und Familien sie seit jeher zusammen mit anderen Pflanzen zum Eigenbedarf kultivierten, hatten sich vor 1000 Jahren drei unabhängige Zentren mit Bauern, Spinnern, Webern und Kaufleuten etabliert. Beckert betont, dass die Baumwolle entweder von ortsansässigen Spinnern und Webern oder heimischen Manufakturen verarbeitet und über ein System von städtischen Kaufleuten vertrieben wurde. Dadurch blieben die sozialen Strukturen im Wesentlichen intakt - daran änderte auch der interkontinentale Handel mit hochwertigen indischen Stoffen (Musselin, Chintz, Kattun) und die im 12. Jahrhundert in Norditalien und Süddeutschland entstehenden, auf Importe aus Anatolien angewiesenen Baumwollindustrien nichts.

Noch nichts. Doch Ende des 16. Jahrhunderts läuteten Europäer eine neue Ära der Baumwollindustrie ein, der globale Kapitalismus breitete sich aus. Die Trias - imperiale Expansion, Enteignung, Sklaverei - bildete das Fundament der von den Europäern gewaltsam installierten neuen Organisation der wirtschaftlichen Abläufe, die Beckert "Kriegskapitalismus" nennt. Zu dessen Spezifika zählt die staatliche Unterstützung kapitalstarker "Kaufleute" und Unternehmen wie etwa der British East India Company, die mit königlichem Freibrief versehen Land und Arbeiter enteignete. Beckert stellt das "nie dagewesene transformative Potenzial" des Kriegskapitalismus heraus, in dessen Ära eine multipolare Welt zu einem unipolaren Knotenpunkt zusammenschmolz, den europäische Kapitalbesitzer und Staaten in der Hand hielten.

Europäer kauften mit indischen Textilien Sklaven in Westafrika, die in Amerika auf Plantagen Europas Ressourcenknappheit zu überwinden "halfen". Wobei die Europäer ihr Kapital mit Hypotheken auf Sklaven schützten. Dass sich die Europäer das technische Know-How aneigneten (Beckert nennt das "drastische Industriespionage"), schuf die Voraussetzungen für die europäische Industrialisierung.

Die Erfindung neuer Geräte und Webstühle im 18. und 19. Jahrhundert revolutionierte die Baumwollverarbeitung und trieb tausende Arbeiter in die neuen Fabriken im englischen Lancashire - und tausende Sklaven auf die Baumwollfarmen in den USA. Der Industriekapitalismus zementierte die weltweiten Abhängigkeiten und brachte einen neuen Typus Staat hervor, der die Produktion auf ökonomischer, sozialer und politischer Ebene institutionalisierte. Dieser Staat hielt seine weltmarktbeherrschende Position nur gut ein Jahrhundert, die Baumwoll-Produktion und -Verarbeitung kehrte wieder nach Asien zurückge, wo ihre Geschichte vor 5000 Jahren begann; dennoch hinterlässt das Baumwoll-Imperium seine größte Erfindung: das weltumspannende Netzwerk. Dass dieses Netzwerk unter der Regie riesiger Handelsketten bis heute gravierende soziale und ökologische Folgen zeitigt, ist die unbequeme Botschaft Beckerts.

Sven Beckert: King Cotton. Eine Geschichte des globalen Kapitalismus. Aus dem Amerikanischen von Annabel Zettel und Martin Richter. C.H. Beck, 525 Seiten, 29,95 Euro.

Vortrag: Morgen 19 Uhr in der Politischen Akademie der Stiftung Demokratie Saarland (Europaallee 18, Sb). Eintritt frei.