Kann man den Bildern trauen?

Wenn das Gegenüber beim ersten Rendezvous Sätze sagt wie "Solange man leidet, lebt man wenigstens", muss man keine Oberflächlichkeit mehr fürchten. Kein Wunder, dass der Sachbuchautor (und gescheiterte Romancier) Walter von der etwas spröden, aber schmerzhaft ehrlich und wahrhaftig wirkenden Agnes fasziniert ist.

 Es könnte die eine, große Liebe sein: Odine Johne und Stephan Kampwirth im Film „Agnes“. Foto: Lieblingsfilm / MOP

Es könnte die eine, große Liebe sein: Odine Johne und Stephan Kampwirth im Film „Agnes“. Foto: Lieblingsfilm / MOP

Foto: Lieblingsfilm / MOP

Nach Peter Stamms Roman hat Johannes Schmid den berührenden Film "Agnes" gedreht. Walter und sie werden ein Paar und wagen ein Experiment, das sich Agnes ausdenkt: Er soll ihre Liebesgeschichte parallel als Text festhalten - wie ein literarisches Selfie. Aber so, wie die Selfie-Fotos jemanden zeigen, wie er selbst gesehen werden will, so macht sich Walter auch ein Bild von der Liebesgeschichte, das sich mit Agnes' Sicht nicht immer deckt. Für den Zuschauer schwindet die Sicherheit, dass man es hier mit der filmischen Realität zu tun hat. Szenen könnten auch Walters Kopf entspringen, die Bilder werden trügerisch; zum gewöhnlicherweise allwissenden Erzähler eines Films tritt ein weiterer hinzu (wie auch beim Wettbewerbsfilm "Fado"); ein reizvolles Spiel mit Erzählebenen und Ausdruck dafür, dass jeder seinen eigenen Blick auf die Realität hat. Davon erzählt der Film mit den famosen Darstellern Odine Johne und Stephan Kampwirth, der als Walter einen fatalen, brutalen Satz sagt: "Das Glück schreibt keine guten Geschichten." Der Film endet in tiefer Traurigkeit - oder ist es doch nur Walters Geschichte?

Heute 21 Uhr CS 1; Mittwoch 10.30 CS 5; Do 19.45 CS 9; Fr 22 Uhr FH; Sonntag 13.30 CS 4.

Erst rumpelt es im Keller. Dann rumort es in der Küche. Und dann bricht das Leben der 17-jährigen Tina auseinander: Ein Wesen erscheint ihr, optisch eine Mischung aus Embryo und Elefantenbaby, das ihre Nähe sucht. Ist das ein Albtraum? Eine Psychose, eine Todesfantasie oder gar Realität? Der Film "Der Nachtmahr" des Regisseurs und Bildenden Künstlers Akiz ist rätselhaft und hält lange in der Schwebe, was hier filmische Realität ist und was nicht. Mit dichter Atmosphäre, einigen Schreckensmomenten und der exzellenten Darstellerin Carolyn Genzkow erzählt er vom jugendlichen Partyleben, von Hierarchien in Freundeskreisen, überforderten Eltern und auch von Vereinsamung. In einem Wettbewerb, dessen Filme sich nicht oft aus einer gängigen Ästhetik herauswagen, ragt "Der Nachtmahr" souverän heraus.

Heute 12 Uhr CS 1 und 22.15 CS 5; Mittwoch 19.15 CS 4; Freitag 10.30 Filmhaus; Sonntag 20.15 CS 4.



Luxemburg, ein innerlich zerrissenes Land? So hat man die Nachbarn bisher im Kino nicht gesehen. Der Luxemburger Christophe Wagner, dessen packender Krimi "Toter Winkel" vor einem Jahr bei Ophüls in einer Nebenreihe lief, erzählt in "Eine neue Zeit" vom Großherzogtum in der Nachkriegszeit: Der Widerstandskämpfer Jules kehrt aus Frankreich in die Heimat zurück, in der offene Fragen die scheinbare Harmonie rissig werden lassen. Wer hat mit den Deutschen kollaboriert? Wer hat sich widersetzt? Als er als Hilfsgendarm in einem Mordfall ermittelt, wird ihm klar, dass an der Wahrheit kaum jemand Interesse hat. Wagner, der schnörkellos, klassisch und mit durchweg guten Darstellern inszeniert, lotet in seinem Film viele moralische Graustufen aus - auch sein Held, der nach der Wahrheit fahndet, trägt eine Lüge mit sich herum.

Heute 15.30 CS 1, Mittwoch 20 Uhr Filmhaus; Freitag 17.45 CS 9; Samstag 20 Uhr CS 4; Sonntag 13.15 CS 5.

In die Berliner Untergrundszene führt uns der junge Regisseur Yony Leyser in seinem ersten Spielfilm "Desire will set you free". Ein junger schwuler US-Autor zieht endlos durch die Clubs und lernt einen jungen Russen kennen - der arbeitet als Stricher und spürt, dass er im falschen Körper lebt. Um Sex geht es, Geschlechterrollen, die große Liebe - und um Berlin. Die Stärken des Films liegen in der Atmosphäre: Da wird ein Happening im Grünen zur sonnendurchfluteten erotischen Expedition mit sich umarmenden und einölenden Körpern, ein Stück hedonistische Glückseligkeit. Doch bei der Dramaturgie und den Dialogen zeigt der Film Schwächen und manche Längen, da tritt er auf der Stelle - ein strafferer Schnitt hätte nicht geschadet.

Heute 17.30 CS 3; Mittwoch 14.45 CS 1 und 20.15 CS 5; Donnerstag 22.15 Filmhaus; Sonntag 15.45 CS 3.

Ja, so sind sie wohl, die fanatischen PC-Spieler: etwas blass um die Nase mangels Frischluft und in der realen Welt abseits ihrer Tastatur ein wenig unbeholfen. Jan ist so einer in Florian Schnells Komödie "Offline - Das Leben ist kein Bonuslevel". Ein wichtiges PC-Turnier steht an, in dem Jan gute Siegeschancen hat - bis plötzlich PC-Zugang, Handy und EC-Karte den Geist aufgeben. Jan wurde gehackt und muss raus in die reale raue Welt, um den Übeltäter zu finden. "Sterben ist leicht, Komödie ist schwer" heißt eine Kinoweisheit, die ihre Berechtigung hat. Hier zündet nicht jeder Gag, die Liebesgeschichte mit einer blauhaarigen Gamerin (große Schnauze, großes Herz) liegt auf der Hand, und die Figuren sind mit grobem Strich gezeichnet. Andererseits: Die optische Verbindung von Realfilm und PC-Spiel im Finale des Films ist ambitioniert, und man darf eben nicht vergessen, dass Ophüls ein Wettbewerb für den Nachwuchs ist.

Heute 18.30 CS 1; Mittwoch 13 Uhr CS 5; Donnerstag 20 Uhr Filmhaus; Freitag 14.30 CS 3; Sonntag 18 Uhr CS 4.

Tiefste deutsche Provinz, 1982. Wohin mit seiner Jugend, wohin mit seinem Leben? Zumindest Hubertus weiß das - er will raus aus dem Muff und ein Star des Rockabilly werden. Hubertus' Freund Sebastian grübelt noch über die Zukunft, weiß aber, dass er sie am liebsten mit der kessen Debbie verbringen würde - genau wie Hubertus. Von Freiheit und familiärer Unterdrückung erzählt der Film "Rockabilly Requiem" von Regisseur und Ko-Autor Till Müller-Edenborn. Das Zeitkolorit ist nostalgisch, ein Opel Kadett knattert, eine Schrankwand "Eiche Rustikal" glänzt im Wohnzimmer, und der Film hat Tempo. Doch gleichzeitig neigt er zu einer melodramatischen Überdeutlichkeit und Symbolik, es kommt mitunter knüppeldick. Einer der bösen Väter, gleichzeitig Jäger, will den Sohn beim Militär sehen, damit er "Treue, Ehre, Fleiß" lernt; der andere Vater ist ein verantwortungsloses Drogenopfer. Viel will der Film erzählen, eine Dreiecksliebesgeschichte, eine Flucht, den Kollaps zweier Familien - aber vieles davon schneidet er nur an. Das Herz auf dem rechten Fleck hat dieser Film, aber manchmal ist der Puls zu hoch und macht ihn kurzatmig.

Heute 20 Uhr CS 3; Mittwoch 12 Uhr CS 1 und 18 Uhr CS 5;

Freitag 21 Uhr Camera Zwo; Sonntag 16.30 Uhr CS 9.

Meistgelesen
Neueste Artikel
Zum Thema
Aus dem Ressort