„Kamp“ beim Perspectives-Festival

„Kamp“ beim Perspectives-Festival : Ein Tag des Grauens, ein Tag wie immer

Das Leiden in Auschwitz nachspielen – mit Modellen und Figuren. Das tut die holländische Compagnie „Hotel Modern“ im Stück „Kamp“. Sonntag und Montag war es bei den Perspectives zu sehen.

Man ist froh, als es vorbei ist. Wie könnte es auch anders sein? Und, je nachdem, wie stark „Kamp“ auf einen gewirkt hat, ist man auch schlicht dankbar für seine eigene Existenz, für das am Leben sein. Das Stück des holländischen Künstlerkollektivs „Hotel Modern“ kann niemanden unberührt zurücklassen – die Frage ist bloß, wie das Konzept der Künstler bei jedem Einzelnen aufgeht. Ob es einen Zugang überhaupt erst möglich macht oder eine gewisse Distanz schafft.

In ihrem 2005 erstmals gespielten Stück zeichnen Pauline Kalker, Arlène Hornweg und Herman Helle den Alltag im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau nach. Mit Modellen und tausenden kleiner Kunststoff-Figuren, allesamt handgemachte Einzelstücke, keine seriell gefertigten Opfer-Miniaturen. Im E-Werk blickt man von der Tribüne auf das Modell des Lagers, mit Baracken, die ein wenig an Särge erinnern, mit dem Spruch „Arbeit macht frei“ und dem Bahnsteig, an den Menschen massenhaft gekarrt wurden, um ermordet zu werden. „Kamp“ versagt sich einer gängigen Dramaturgie oder auch Chronologie – man ist sofort mitten in einem der grauenhaft normalen Tage: Während einige Menschen bis zum Umfallen (und Sterben) schuften müssen, sägen, Säcke schleppen, tote Leidensgenossen wegtransportieren oder einen Galgen zimmern, rieseln die Zyklon-B-Bröckchen in einen vorgeblichen Duschraum.

Dankbar ist man als Zuschauer, dass die Kamera der Künstler, deren Bilder auf eine Leinwand über dem Modell projiziert werden, erst einmal vor der Gaskammer haltmachen – doch im Laufe des einstündigen Stücks wird die Kamera dann doch in den Raum hineinfilmen, für einige hektische Sekunden. Andere Momente spielt das Stück qualvoll lange: Ein Auschwitz-Insasse bricht bei der Zwangsarbeit zusammen, ein Wärter schlägt zu, immer wieder, immer härter, scheinbar endlos. Nicht jeder im E-Werk hält das aus, zwei Personen verlassen das Stück.

Keine Hauptfiguren hat „Kamp“ – dennoch sind die Gequälten keine gesichtslose Masse. Als die drei Modellspieler einen Zug im Lager einfahren lassen und Hunderte von Figuren auf den Bahnsteig stellen, fährt die Kamera langsam an den Figuren vorbei, deren Ausdruck an Munchs „Der Schrei“ erinnert – langsam schälen sich Details heraus, aus der Masse werden einzelne Personen mit eigener Geschichte, die hier enden wird.

Dialoge gibt es keine, nur minimale Musik (das Horst-Wessel-Lied und einen verzerrten Radetzky-Marsch), aber eine detaillierte Klanglandschaft: Geräusche eines eisigen Windes, das gierige Schlürfen der Verhungernden bei der Essensausgaber, das Scheuern beim Säubern der Gaskammern und ein monotones Quietschen beim Schieben der Leichen in die Verbrennungsöfen – man weiß nicht genau, ob man nun metallisches Kreischen hört oder menschliche Schreie. Am Ende hört man nichts mehr – die Kamera blickt in einen dunklen Barackengang, in dem die Menschen stoßweise atmen, in ihrer vielleicht letzten Nacht. Dann hört man auch kein Atmen mehr. Nachtschwärze.

Nach der Aufführung blieben viele Zuschauer zum Gespräch mit der Künstlergruppe, die das Stück nicht oft spielt, weil es belastend ist, aber regelmäßig an Schulen, bald bei einem großen internationalen Schülertreffen in Krakau. „Jetzt wächst eine Generation heran“, sagt Pauline Kalker, „die zu dieser Historie gar keine persönliche Verbindung mehr hat.“ Umso wichtiger wird „Kamp“.

Ausführliches Interview unter
www.saarbruecker-zeitung.de/kultur

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