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Julia Roberts spielt im Familiendrama "Ben is back" eine engagierte Mutter.

Neu im Kino : Mutterliebe gegen Drogensucht

Ein Weihnachtsfilm im Januar? Das klingt nach einem saisonalen Irrtum. „Ben is back“ von Peter Hedges, ein intimes Familiendrama, ist auch nach den Feiertagen sehenswert.

  Oft erzählen Trailer zu viel über Filme. Der Zuschauer hat bisweilen den Eindruck, alle Höhepunkte schon vorab gesehen zu haben. Der Trailer von „Ben is Back“ ist radikal anders. Er zeigt einen sorgfältig ausgewählten, nahezu unveränderten Ausschnitt aus dem Film: eine wortarme Sequenz ohne Handlung, die mit wenigen Dingen viel über die Protagonisten erzählt –  aber doch nur so viel, dass jeder wissen möchte, wie es mit den Figuren weitergeht.

In diesen Bildern sehen sich Ben und seine Mutter Holly nach langer Zeit wieder. In ihrem überraschenden Treffen an Heiligabend tritt eine ganze Palette von Gefühlen zutage: Verletzungen und Enttäuschungen aus der Vergangenheit, die unerschütterliche Liebe der Mutter, die Angst des Sohnes vor Zurückweisung – und Hollys Zweifel, ob sie das Richtige tut, indem sie Ben willkommen heißt. Diese Sequenz zeigt exemplarisch auf, wie sehr es dem Autor und Regisseur Peter Hedges („Gilbert Grape“, „Pieces of April“) im Verbund mit den Schauspielern gelingt, familiäre Beziehungen und gemeinsame Erfahrungen sicht- und spürbar zu machen.

Zum Ende hin lässt der Film deutlich nach und wirkt eindimensionaler. Zu Beginn aber sprüht das Drama regelrecht vor vielsagenden Blicken, Bemerkungen, Bewegungen innerhalb von Hollys Familie. Zu der gehören neben Bens Schwester Ivy auch Hollys neuer Mann Neal sowie zwei jüngere Halbgeschwister. Während die sich über den Überraschungsbesuch freuen, verhalten sich Ivy und Neal skeptisch bis ablehnend. Denn Ben ist drogensüchtig und gerade in einer Entzugsklinik untergebracht. Seine vorherigen Besuche endeten jeweils mit dramatischen Rückfällen und Streitereien.

Trotzdem setzt sich Holly durch. Ben darf 24 Stunden bleiben,  überwacht von seiner Mutter. Bei einem Ausflug von Mutter und Sohn blitzen Hinweise auf Bens Vergangenheit auf; ungute Ahnungen, dass es nicht so einfach wird, friedliche Weihnachten miteinander zu verbringen.

Als die Burns nach der abendlichen Weihnachtsmesse nach Hause kommen, entdecken sie einen Einbruch; auch fehlt der Familienhund Ponce. Damit beginnt eine neue Geschichte: Holly und Ben machen sich auf die Suche nach dem Tier, das Ben bei früheren Bekannten aus dem Drogenmilieu vermutet. Er glaubt an einen Racheakt für offene Rechnungen. Mutter und Sohn klappern die Menschen ab, bei denen sich Ben früher Drogen besorgte oder für die er Rauschgift verkaufte. Diese Reise in die Vergangenheit bringt das Ausmaß von Bens Sucht und die damit einhergehenden Verstrickungen zum Vorschein. Sie zeigt aber auch die bedingungslose, verzweifelte Liebe der Mutter, die bis zur Selbstverleugnung reicht, Holly aber auch über sich selbst hinauswachsen lässt.

Das ist ergreifend und packend dargestellt von Julia Roberts. Lucas Hedges, der Sohn des Regisseurs, bietet ihr in der Rolle des Ben durchaus Paroli: als eine höchst ambivalente Figur, so sympathisch wie (selbst-)süchtig. Ben ist auch hart gegen sich selbst, und er beschimpft Holly, dass sie ihm zu sehr vertraut.

Das 24-Stunden-Zeitfenster der Handlung ist dramaturgisch so geschickt gewählt wie der beschränkte Schauplatz einer mittelgroßen Stadt: Beides wirft die Protagonisten auf sich selbst zurück – und lenkt den Blick des Publikums auf die zentralen Fragen ihrer Beziehung. Mit Drugstore, Pfandhaus, Diner und Kirche wird eine prototypische US-Suburbia-Siedlung skizziert, was dem Film spürbar politische Dimensionen verleiht. Dass hier Schmerzmittel verschrieben werden wie andernorts Hustenbonbons, die Regierung die Abhängigen dann aber weitgehend sich selbst überlässt, wirft ein bezeichnendes Licht auf die Drogenepidemie, die das Land auslaugt.

Trotzdem ist der Film vor allem ein intimes Familiendrama. Zum Ein-Personen-Stück taugt er nicht recht, was sich zeigt, als Ben abhaut, um die Dinge alleine zu regeln. Sobald Holly das Gegenüber ihrer Liebe und Fürsorge abhandenkommt, scheint ein wichtiger Bezugspunkt zu fehlen. So gerät der Film emotional deutlich eindimensionaler. Was allerdings nur ein kleiner Einwand ist angesichts der anderen Qualitäten dieses „Weihnachtsfilms“ der anderen Art.

Der Film startet morgen in der Camera zwo (Sb).