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Jüdische Filmtage in Saarbrücken

Jüdische Film- und Kulturtage in Saarbrücken : Von Versöhnung und Vergangenheit

Kino mit Gästen und Diskussionen, Konzerte, Vorträge und ein Schabatt-Menü: Am Sonntag beginnen die Jüdischen Film- und Kulturtage Saarbrücken.

Hanalel hat es ziemlich eilig. Mit seinem nahezu schrottreifen Auto will er von Jerusalem zurück nach Hause ins Siedlungsgebiet – es ist Sabbat, seine Frau erwartet ihn, er vertröstet sie mit „noch eine halbe Stunde“. Als der stotternde Motor mal wieder zum Erliegen kommt, steigt ein Palästinser bei. Er dachte, Hananel habe wegen ihm angehalten, liegt damit zwar völlig falsch, steigt aber nicht mehr aus, denn er muss dringend weg.

So beginnt der Kurzfilm „Across the line“ des israelischen Regisseurs Nadav Shlomo Giladi, mit dem am Sonntag die Jüdischen Film- und Kulturtage Saarbrücken starten. Eine exzellente Eröffnung, denn „Across the line“ erzählt seine 27-minütige Geschichte von Misstrauen und dem Keim einer möglichen Freundschaft mit Wendungen, Situationskomik,  schwarzem Humor und auch Sprachwitz: Hebräisch und Arabisch prallen ebenso heftig aufeinander wie der gegenseitige Argwohn. (Der einzige arabische Satz, den der isrealische Siedler fließend sprechen kann, ist die Drohung „Ich werde Dich erschießen.“) Aber je nach Situation braucht man einander, ob beim Autoreparieren oder auf der Flucht vor einem anderen Palästinenser mit Vorschlaghammer und sehr schlechter Laune. Am Ende wirkt die Harmonieseligkeit des Films vielleicht etwas zu naiv oder realitätsausblendend – aber kann man ihm den Wunsch nach Frieden verdenken?

Sechs abendfüllende Produktionen laufen bei den Filmtagen im Saarbrücker Kino Achteinhalb,  manchmal begleitet von Filmemachern. Etwa „Our Father“ (am Montag), den Moris Cohen vorstellt und für den er den Hauptdarstellerpreis beim Jerusalem Film Festival gewonnen hat: Er spielt Tel Avivs härtesten (und gläubigsten ) Türsteher, der sich auf kriminelle Geschäfte mit einem Kleingangster einlässt, um die medizinische Behandlung seiner Frau zu finanzieren. Vorab war der Film nicht zu sehen – aber Trailer und Kritiken versprechen eine packende Mischung aus Moraldrama und Krimi. Am Mittwoch stellt der Regisseur und Drehbuchautor Armichai Greenberg „The Testament“ vor, den wohl düstersten Film der Veranstaltungsreihe: Er erzählt von einem Holocaust-Forscher, der in Österreich über ein Massaker an jüdischen Zwangsarbeitern recherchiert und dabei ein Familiengeheimnis aufdeckt, das sein Verhältnis zum eigenen Glauben (und zur Mutter) auf die Probe stellt.

Als letzter Film läuft „Lebenszeichen – Jüdischsein in Berlin“, eine interessante, oft berührende Dokumentation, wenn auch mit Schwächen. Die kanadisch-deutsche Regisseurin Alexa Karolinski war in Berlin unterwegs, hat Familienmitglieder, Freunde, (Zufalls-)Bekannte und Historiker getroffen, lässt vor allem ihre jüdische Mutter erzählen: Die Tochter von Holocaust-Überlebenden kam 1982 von Kanada nach Berlin und pflegt jüdische Rituale viel stärker als damals in Montreal – weniger aus religiösen Gründen denn wegen eines Gefühls der familiären Geborgenheit. Die Regisseurin befragt auch Touristen im Berliner Holocaust-Mahnmal, spricht mit Frauen, die sich um den Garten der Sommervilla des deutsch-jüdischen Künstlers Max Liebermann kümmern und lässt kurz ihre Großmutter auftreten (über die sie 2012 ihren ersten Film „Oma & Bella“ drehte).

 Erstmal misstrauisch: Jalal Masrwa (l.) als Palästinenser und David Shaul als Israeli im Eröffnungs-Kurzfilm „Across the Line“.
Erstmal misstrauisch: Jalal Masrwa (l.) als Palästinenser und David Shaul als Israeli im Eröffnungs-Kurzfilm „Across the Line“.

Da wirkt der Film bisweilen ziellos, als habe sich die Regisseurin (auch Kamera) beim Schnitt nicht entscheiden können, was wichtig oder weniger wichtig ist. Berührende Momente gibt es aber immer wieder – das Gespräch etwa mit einer  85-Jährigen, die den Krieg als Kind in finsteren Bunkerverstecken überlebte und die bis heute keine Dunkelheit erträgt. Aber oft lässt der Film den Zuschauer alleine, keine Texteinblendungen verraten, mit wem gerade gesprochen wird – manches kann man sich erschließen, manches nicht. Man sollte sich vorher auf der Internetseite des Films einlesen (www.lebenszeichen-film.de) – dann man hat man mehr von ihm.