John le Carré über den Brexit

Interview mit John le Carré : „Ich habe Angst, Europa zu verlassen“

Warum der Autor den Premier Boris Johnson ein „eingefrorenes Kind“ nennt und Donald Trumps Politik „absolute Idiotie“.

John le Carré, der Meister des Spionageromans, hat mit 88 Jahren ein neues Buch veröffentlicht. „Federball“ handelt wieder um Geheimdienst-Intrigen – aber dieses Mal vor dem Hintergrund der Brexit-Wirren in Großbritannien. Zur Veröffentlichung des Buchs sprach le Carré über den Widerstand gegen den Brexit, die Rolle Deutschlands in Europa und einige verpasste Chancen nach dem Ende des Kalten Krieges.

John le Carré, aus Ihrem neuen Buch kann man die Überzeugung davontragen, dass uns nur noch eine Rebellion der Anständigen retten kann? Ist es das, woran Sie glauben?

LE CARRÉ: Ja, so ist es. Das Problem mit unserer aktuellen Situation in Großbritannien ist allerdings, dass die anständigen Menschen keine Stimme gefunden haben. Wir haben keine erkennbare Führungsfigur. Die Hoffnung liegt in Europa, ganz bestimmt nicht in den USA. Die absolute Idiotie des Handelns von Trump wird dort noch lange, lange nachwirken. Ich denke, wir werden erleben, wie er wiedergewählt wird, was ein Alptraum wäre. Und wenn die EU Schwäche zeigt, werden wir hier acht Jahre Boris Johnson als Premier bekommen.

Was genau finden Sie so schlimm an Boris Johnson?

LE CARRÉ: Mein Gefühl ist, dass er sofort gestoppt werden muss. Es gibt keine Logik mehr in Johnsons Geschrei. Er rennt herum und verspricht allen Milliarden. Aber darüber hinaus erklärt er nicht, wie wir davon profitieren sollen, dass wir den mächtigsten Handelsblock der Welt verlassen. Er wird von denselben Impulsen wie Trump angetrieben. Er hat Narzissmus zu einer Kunstform gemacht. In Eton, wo er studierte, wird man nicht zum Regieren ausgebildet, sondern zum Gewinnen. Er wurde von Kindermädchen erzogen, er ist entfremdet von seinen Eltern, er ist ein eingefrorenes Kind. Er lebt in einer Jungs-Welt, in der Mädchen nur Möbel sind.

Sie sind als leidenschaftlicher ­Brexit-Gegner bekannt. Warum?

LE CARRÉ: Ich habe wirklich Angst, Europa zu verlassen. Ich bin überzeugt, dass, wenn wir bleiben, wir den Geist Europas stärken können, und helfen, ein wirkliches Gegengewicht zu den USA, zu China zu schaffen. Und man sollte aufhören, von einer europäischen Armee zu sprechen, die wird immer nutzlos sein. Was wir hier gelernt haben, ist, wie fragil unsere Institutionen und unsere Demokratie sind.

Sie hatten vor ein paar Jahren große Hoffnungen, dass Deutschland in Europa eine einende Rolle spielen könnte. Haben die sich erfüllt?

LE CARRÉ: Wenn wir in Europa blieben, hätte ich die Hoffnung, dass eine neue Generation von Politikern die deutsch-britische Allianz wiederbeleben würde. Ich denke, wir könnten sehr gut zusammenarbeiten. Zugleich erscheint es mir, dass die wirtschaftlichen Vorstellungen in Deutschland eher altmodisch und eigennützig sind.

Sie haben viel über den Kalten Krieg geschrieben – haben Sie eine Erklärung dafür, dass im Westen, der ihn gewann, die zentralen Grundwerte nun so zerbröseln?

LE CARRÉ: Wir haben damals, am Ende des Kalten Krieges, die Chance verpasst, zu einer neuen Weltordnung zu finden. Es gab keine große Vision. Und seitdem haben wir die Idee nationaler Geschlossenheit zugunsten von Kapitalinteressen aufgegeben. Nun ist das Silicon Valley vermutlich viel mächtiger und effizienter als Großbritannien. Und das ist, wohin man blicken würde, wenn es um eine neue Weltordnung geht. Wir brauchen effizientere Zusammenarbeit in allen Bereichen: Umwelt, Überbevölkerung, Migration. Vielleicht wird uns die Umwelt näher zusammenbringen – aber es ist herzzerreißend, dass die Wissenschaft hinter dem Klimawandel noch in Frage gestellt wird.

Aber sehen Sie aktuell wirklich Zeichen für ein Aufbegehren der Menschen oder eher das Gegenteil?

LE CARRÉ: Ich denke, wir neigen dazu, uns abzukapseln und die Tatsache zu ignorieren, dass wir Teil einer globalen Katastrophe, einer ökologischen Katastrophe sind. Man sagt sich, egal, ich kümmere mich um mein Leben. Zugleich merke ich, dass mit all diesem Übel wir enger als Familie zusammenwachsen.

John Le Carré: Federball. Ullstein
Verlag, 352 Seiten, 24 Euro.

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