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Jana Revedin setzt der Bauhaus-Architektin Ilse Frank in ihrem Roman ein Denkmal

Neue Bücher : Architektur als Dienst am Menschen

Die 100-jährige Bauhaus-Geschichte wird auch romanhaft geschildert. Jana Revedin beweist das.

Ilse Frank war nicht begeistert, als sie Walter Gropius zum ersten Mal reden hörte. Sein Vortrag vor Akademikern in Hannover war sachlich, Begeisterung kam nicht auf – dabei war es doch die neue Bauwelt, um die es ging. 1919 war die Kunst- und Ideenschule Bauhaus in Weimar von Gropius gegründet worden, die Architektenschaft war aufgeregt. 14 Jahre lang ging das so, dann zerschlug der deutsche Nationalsozialismus den kreativen Hort des Bauens. Nur wenige wissen, dass Ilse Frank, „Ise“ genannt, eine herausragende weibliche Persönlichkeit in der latent frauenfeindlichen Bauhaus-Männerschaft war. Um sie geht es in diesem Roman.

Die große Unbekannte in der Bauhaus-Bewegung wird mit diesem Buch geehrt. Die Architektin und Autorin Jana Revedin (53) hat sich tief in ihr Leben versenkt. Die Theoretikerin für Architektur und Gestaltung, die auch an der angesehenen École spéciale d’ architecture in Paris lehrt, hat nebenher auch Romane geschrieben. Der fünfte ist die Geschichte von Ise Frank, der zweiten Ehefrau von Walter Gropius. Revedin gehört zu den Städteplanern, die Architektur nicht mehr als Selbstverwirklichung Einzelner betrachtet, sondern als Dienst am Menschen. Ihr Lehrer und Förderer war der nachhaltige Architekt Aldo Rossi. Für ihren Roman nutzte sie die Tagebücher von Ise Frank, angereichert durch fiktive Elemente. Die Entdeckung der Bedeutung von Ise Frank ist verdienstvoll, das Buch passt ausgezeichnet in das Jubiläumsjahr des Bauhaus.

Nachdem Ise den Meister gehört hatte und enttäuscht war, vermisste sie ihn dennoch. 1923 ergab sich eine kurze private Begegnung der beiden, auch Gropius war von der jungen Dame, 14 Jahre jünger, angetan. Die Jüdin aus großbürgerlicher Familie war fasziniert von seiner Vielfalt an Ideen, seiner Klarheit im Bauwesen und dem neuen Design. Als Publizistin, im Hauptberuf Angestellte einer Münchner Verlagsbuchhandlung, schrieb sie begeistert über den Bauhausgründer. Gropius, der in erster Ehe mit Alma Mahler verheiratet war, was nicht gut ging, fand in Ise seine Gefährtin bis an sein Lebensende. „Ise, ich brauche Sie“, sagte er einmal zu ihr. Das umfasste viel.

Gropius begegnete seiner zweiten Ehefrau mit dem, was man einst Ritterlichkeit nannte. Er bezog Ise völlig in seine Arbeit ein, und die kündigte ihre Stellung und zog zu ihm nach Weimar. Gropius hatte mehrere verwickelte Liebschaften hinter sich, seine Lebenspraxis war eher schwierig, und selbst Gropius‘ Mutter warnte Ise vor dem eigenen Sohn wegen dessen träumerischer Art. Ise erwartete wohl auch nicht die ganz große Liebe in einer Ehe, sie hatte sich vielmehr der Reformbewegung verschrieben. Und unter den Frauen um Walter Gropius wurde sie schnell bedeutsam.

Gropius‘ Veröffentlichung „Die neue Wohnung: Die Frau als Schöpferin“ (1924) war Ise Gropius gewidmet. Die hatte den Umzug nach Dessau organisiert, im Musterhaus der rationalisierten Hausarbeit ging es um die Ergonomie, um ausklappbare Tische, Teleskop-Lampen, elektrische Teekocher und die vollautomatische Spülmaschine. Ise war Mitschöpferin, sie war mittendrin. „Das Verstehen, das beinahe wortlose, selbstverständliche Verstehen in dem kurzen Gespräch mit diesem Mann“, wie Revedin schreibt, lief gut. „Dieser Mann konnte einen entwaffnen.“

Ise begriff schnell die neue Funktion von Kunst und Handwerk, schrieb darüber in der Fachpresse. Sie saß im „Meisterrat“ mit Paul Klee und Lyonel Feininger, nutzte als erste die Stahlrohrschwinger von Marcel Breuer und verfasste die Texte ihres Mannes in der Emigration in den USA. Auch Ise Gropius verdanken wir, dass das Bauhauszeitalter nicht in Vergessenheit geriet. Das belegt dieser anrührende biografische Roman.

Jana Revedin: Jeder nennt mich hier Frau Bauhaus. Das Leben der Ise Frank. Dumont, 303 S., 22 €