Filmfestival in Jerusalem: Israels Kino blickt auf neue und alte Wunden

Filmfestival in Jerusalem : Israels Kino blickt auf neue und alte Wunden

Eindrücke vom Programm und von der Atmosphäre des 34. Internationalen Filmfestivals in Jerusalem.

Die Realität des Nahostkonflikts wird Kino-Enthusiasten aus aller Welt fast jeden Sommer in Jerusalem mit Terror und Krieg vor Augen geführt. Diesmal ereignete sich am ersten Tag des 34. Festivals (13.-23. Juli) ein tödlicher arabischer Anschlag auf eine Gruppe israelischer Grenzpolizisten am Tempelberg in der Jerusalemer Altstadt. Dieser Überfall und israelische Reaktionen eskalierten danach zu einer bedrohlichen Krise.

Dass Filme helfen, die Wirklichkeit zu vergessen, ist keine Binsenweisheit. Während die der Cinemathek unmittelbar gegenüberliegende arabische Altstadt zum Pulverfass wurde, versenkten sich Besucher des Filmfestivals in die Welt der flimmernden Illusionen. Da wurden 200 Spiel-, Dokumentar-, Kurz- und Animationsfilme aus 50 Ländern geboten, aus Europa sowie aus Ländern Asiens, Afrikas und Süd-Amerikas. An den zehn warmen Abenden trafen sich Regisseure, Produzenten, Schauspieler, Filmstudenten, Kritiker und Zuschauer auf dem Rasen der Cinemathek bei Häppchen und Wein. Da wurde gelobt, kritisiert und debattiert – äußerlich sorglos wie eh und je.

In israelischen Produktionen offenbart sich immer wieder ein faszinierendes Land, das nicht den durch TV-Berichterstattung entstandenen Klischees entspricht. Heimische Produzenten haben eine weitverzweigte Industrie geschaffen, die von den Arbeiten der 15 hochqualifizierten Filmschulen profitiert. Die durch politisches Klima, reale oder befürchtete Zensur und recht bescheidene Filmförderung motivierte Abwanderung von Filmleuten nach Los Angeles, London oder Berlin ist spürbar – aber noch nicht fatal. Zu innerisraelischen Wettbewerben traten sieben neue Spielfilme, 13 Dokus und 20 Kurzfilme an.

Heimische Filmemacher sind gespalten. Spielfilmer bemühen sich, der Welt das normale Israel zu zeigen: ein multikulturelles Land mit religiösen, sozialen und ethnischen Spannungen. Dokumentarfilmer machen es sich zur Aufgabe, ihrer Gesellschaft einen Spiegel vorzuhalten. Was der zeigt, ist manchmal so schockierend, dass Superpatrioten sich wünschten, die Schande würde nicht publik.

In diese Sparte gehört der Dokumentarfilm „Born in Deir Yassin“ von Neta Shoshani. Das arabische Dorf Deir Yassin bei Jerusalem ist seit 1948 ein Mythos. Dass bei der Eroberung ein Massaker stattgefunden hatte, begangen von jüdischen Untergrundkämpfern, war zwar bekannt; geheim blieben Motive, Zahlen, Methoden und Fotos, die in Archiven noch unter Verschluss liegen. Deir Yassin selbst erlebte über die Jahre eine seltsame Verwandlung: Das auf seinen Ruinen errichtete psychiatrische Krankenhaus heißt seit 1951 ganz harmlos „Givat Shaul“ – übersetzt „Sauls Hügel“, wobei nicht König Saul gemeint ist, sondern ein israelischer Oberrabbiner namens Yaacov Shaul Elyashar. Zunächst wurde die psychiatrische Klinik Jerusalems auf den Ruinen des Dorfes errichtet, später entwickelte sich dort, an den westlichen Ausläufern Jerusalems, ein Wohn-, Geschäfts-und Industrieviertel religiös-orthodoxer Ausrichtung, das den Namen weiter trägt.

Durch zehnjährige Recherche gelang es Filmemacher Neta Shoshani, die Geheimnisse der Gründer-Generation zu lüften. Erstmals reden die greisen Täter, die Shoshani noch lebend aufspürte. Was sie vor laufender Kamera stolz berichten, ist grauenhafter, als Fotos es hätten sein können. Durch ihre Aussagen wird das komplette israelische Narrativ der Eroberung arabischer Dörfer und der „Flucht“ ihrer Bewohner freigelegt. Die Ideologie im Befreiungskrieg sei eben anders gewesen – ihr habe man die Gründung des Staates Israel zu verdanken, argumentieren die Greise. „Israel wurde in Sünde geboren“, lautete dagegen das traurige Resümee der Enkel-Generation nach der Premiere.

Ran Danker  im Film „Zweifelhaft“ über die Betreuung junger Israelis, die auf die schiefe Bahn zu geraten drohen.

Die Spielfilme waren im Vergleich dazu unpolitischer. Als herausragend erwiesen sich mindestens drei. Die israelisch-deutsche Koproduktion „Der Kuchenmacher“ von Ofir Raul Graizer erzählt eine komplizierte Liebesgeschichte zwischen Berlin und Jerusalem auf sensible, intelligente und ästhetische Weise. Veronica Kedar inszeniert in „Family“ die Dekonstruktion des israelischen Familien-Kults als satirischen Horrorfilm. Das ist keine leichte Kost. Ebenso wie „Zweifelhaft“ von Eli Elya. Dieses Drama um die Rehabilitation einer Gruppe von „gefährdeten Jugendlichen“, was Gewalt und Kriminalität angeht (die Statistik zählt ca. 400 000) beruht auf einer wahren Geschichte. Ein Poet und Drehbuchautor versucht, die Jugendlichen durch Kultur und Kunst zu rehabilitieren – und zerbricht fast daran.