Schriftsteller Klaus-Peter Wolf : „Die Romane sind Röntgenbilder der Gesellschaft“

Der literarische Krimikönig über seinen neuen Band „Todesspiel im Hafen“ und die Schattenseiten des Erfolgs.

Nicht nur mit seinen Ostfriesen-Krimis, deren Verfilmung fürs ZDF weitergeht, steht Autor Klaus-Peter Wolf mittlerweile regelmäßig auf Platz eins der Bestsellerlisten. Dem 65-Jährigen glückte auch das Kunststück, mit einem Spin-off der Ostfriesenkrimis, einer Trilogie über einen Hochstapler, der sich als der Arzt Dr. Bernhard Sommerfeld ausgibt, an die Spitze der Verkaufslisten vorzustoßen. Sein jüngster Sommerfeldt-Band, „Todesspiel im Hafen“, ist vor kurzem erschienen. Der Erfolg als Autor führt aber auch zu Anfeindungen, wie Wolf im Interview mit der SZ sagt. SZ-Redakteur Oliver Schwambach verfolgt das Schaffen von Klaus-Peter Wolf seit vielen Jahren, daher sind sie wie im normalen Leben auch im Interview per Du.

Ursprünglich war die Sommerfeldt-Trilogie mit einem Hochstapler, der sich als Arzt ausgibt und dann unangenehme Zeitgenossen dauerhaft kuriert, indem er sie ermordet, lediglich ein Spin-Off der Ostfriesenkrimis. Nun schaffte es auch der neue Sommerfeldt wieder auf Platz eins der Spiegel-Bestenliste. Man möchte mittlerweile meinen, es ist egal, was Du schreibst, Hauptsache ist, Klaus-Peter Wolf schreibt es?

WOLF Ja, es ist ein bisschen unheimlich. Ich habe mir in der Tat mit meinen Romanen ein Publikum erschrieben, das jedem neuen Roman entgegenfiebert. Wenn ein neues Buch angekündigt wird, gibt es gleich enorme Vorbestellungen. Das ist für mich natürlich eine sehr komfortable Situation. So bin ich erst zum wirklich freien Schriftsteller geworden. Früher habe ich mich auch so genannt, aber seit dem großen Erfolg, bin ich es tatsächlich. Niemand redet mir mehr rein. Das war, als ich noch fürs Fernsehen „Tatort“ und „Polizeiruf“ geschrieben habe, ganz anders. Da habe ich oft an der Fernseh-Hierarchie gelitten…

„Todesspiel im Hafen“ wird auch im Buchregal im Supermarkt verkauft und in der Tankstelle, dafür aber mutet der Roman dem Leser überraschend viel zu. Die Taten, die Action stehen nicht im Vordergrund, stattdessen räsoniert Sommerfeldt über Literatur, über Kunst, über die Bedingungen eines erfüllten Lebens, ergeht sich auch in Naturbetrachtungen. Wie reagieren die Leser darauf?

WOLF Die Fans meiner Romane werden ganz schön gefordert. Das ist richtig. Das Lesen meiner Bücher ist immer ein Blick in den Abgrund der menschlichen Seele. Die Romane sind Röntgenbilder der Gesellschaft. Literatur und Kunst spielen darin eine wichtige Rolle. Das Buchregal eines Menschen ist doch wie ein Fingerabdruck seiner Seele. Mir ist psychologische Genauigkeit und Stimmigkeit wichtig. Ich selbst habe 14 Jahre lang Gruppen- und Einzeltherapie gemacht. Das hilft mir jetzt enorm beim Schreiben. Ich weiß, wie sich jemand fühlt, der verzweifelt einen Ausweg sucht. Meine Leser lieben genau das, sie wissen, was sie erwartet, wenn sie einen Wolf-Roman kaufen. Sie wollen Spannungsliteratur auf hohem Niveau.

Christiane Paul spielte im TV bisher Klaus-Peter Wolfs Figur Ann Kathrin Klaasen. Foto: Britta Pedersen/dpa. Foto: dpa/Britta Pedersen

Für Deine Bücher betreibst Du intensive Recherchen. Nun bricht Sommerfeldt aber im Roman mit solch‘ unglaublicher Lässigkeit aus dem Gefängnis aus, dass man sich fragt, ob die dichterische Freiheit da nicht zu sehr von der Realität abhebt.

WOLF Er flieht aus dem Gefängnis in Lingen. Dort ist das einzige Gefängniskrankenhaus in Niedersachsen. Viele Häftlinge auch aus anderen Bundesländern werden bei Krankheit dorthin gebracht. Ich war natürlich vorher da, habe mir alles sehr genau angesehen und eine Lesung für die Häftlinge gemacht. Das ist für mich ja praktisch Fachpublikum. Die anschließende Diskussion war sehr intensiv. Manche werden erst im Gefängnis zu Lesern. Ich habe dort viele Fans unter den Insassen genauso wie unter den Justizvollzugsbeamten. So, wie Sommerfeldt ausbricht, würde das auch in der Wirklichkeit funktionieren. Allerdings ist mein Buch kein Leitfaden für Ausbrüche. Die Schilderung des Knasts und des Alltags ist aber genau. Es ist übrigens ein gutes Gefängnis. Es gibt sogar die von mir beschriebene Literarische Werkstatt.

Julia Jentsch spielt nun Klaasen, ihr erster Film „OstfriesenGrab“ ist schon abgedreht. Foto: Georg Wendt/dpa. Foto: dpa/Georg Wendt

Die Sommerfeldt-Reihe war als Trilogie konzipiert, aber die Nachfrage ist offenbar groß. Wirst Du nun wortbrüchig und schreibst Teil vier?

WOLF Viele Fans scherzen schon: Wann erscheint Teil vier der Trilogie. Die Figur Sommerfeldt ist in der Tat noch nicht ausgeschrieben. Der sympathische Serienkiller hat noch viel Potential. Neulich schrieb eine Leserin: „Wie soll ich es meinen Eltern erklären? Ich habe mich in einen Killer verliebt.“ Es gibt geradezu eine Protestbewegung von Leserinnen und Lesern, die fordern, es soll weitergehen mit ihm. Jetzt schreibe ich aber erstmal an „OstfriesenHölle“ – das Buch soll im Februar erscheinen. Aber ich plane durchaus, Dr. Sommerfeldt wieder auftauchen zu lassen.

"Todesspiel im Hafen". Foto: Fischer Verlag

Viele Leser, schaut man auf die Reaktionen in den sozialen Medien, nehmen aus Deinen Bücher sehr viel mit, offenbar auch so etwas wie eine Moral. Wie wird man dem als Autor gerecht – gerade wenn man einen ambivalenten Helden wie Sommerfeldt hat, der zwar das Gute predigt, aber das Böse tut?

WOLF Das war schon beim guten Shakespeare so. In dem Drama stehen wir doch alle. Man will etwas Gutes, überzieht, macht etwas falsch, und es entsteht etwas Schlechtes, ja, Böses… In meinen Romanen wird man beim Lesen immer wieder vor die Frage gestellt: „Wie hättest du entschieden?“ Ich liebe diese Ambivalenz. Die Dinge sind eben nicht so einfach. Ich schreibe Unterhaltungsromane, Spannungsliteratur, und in meinen Büchern geht es auch um Moral. Um richtig oder falsch. Ich werfe Fragen auf. Dazu ist gute Literatur da. Das hat Johannes Mario Simmel auch getan, der von der Literaturkritik maßlos unterschätzt wurde, aber die Gesellschaft sehr beeinflusst hat. Er zählt zu meinen Vorbildern, wie auch Simenon, Dürrenmatt und Max von der Grün. Sie alle haben uns gut unterhalten und uns existenzielle Fragen gestellt.

Julia Jentsch, die unter anderem in „Sophie Scholl“ spielte, hat in den Verfilmungen der Ostfriesenkrimis jetzt Christiane Paul ersetzt, die drei Mal die Kommissarin Ann Kathrin Klaasen spielte. Das muss für einen Autor doch eine Zumutung sein, wenn seine Figur gerade ein Gesicht bekommen hat, und dann wechselt urplötzlich die Schauspielerin.

WOLF Oh nein, das ist es nicht. Ich berate ja die Filmproduktion. Ich hatte sowohl Christiane Paul als auch Julia Jentsch von Anfang an auf meiner Liste der Wunschbesetzung für meine Ann Kathrin Klaasen. Auch die Regie wechselt ja bewusst bei den Romanverfilmungen. Mich interessiert die jeweilige neue Interpretation meiner Texte. Das ist am Theater selbstverständlich, wenn das Stück woanders gespielt wird. Aber auch im Film. Wie viele Schauspieler haben schon James Bond gespielt oder Wallander? Christiane Paul und ich sind im Guten auseinander. Und mit Julia Jentsch verstehe ich mich prächtig. Wir sind sehr intensiv über die Rolle im Gespräch. „OstfriesenGrab“ ist mit ihr abgedreht. Als nächstes wollen wir „OstfriesenAngst“ drehen. Ich freue mich sehr auf die weitere Zusammenarbeit.

Kürzlich hast Du gegen einen Leserbriefschreiber in einer ostfriesischen Zeitung geklagt, der Dir vorhielt, mit Deinen Romanerfolgen hättest Du „integrationsunwillige NRWler“ an die Küste gelockt. Als Autor nimmst Du für Dich ja die Presse- und Meinungsfreiheit in Anspruch, muss man dann nicht auch solche, wenn auch herbe Kritik, aushalten?

WOLF Na klar. Jeder darf alles, was ich tue und schreibe, doof finden und das auch öffentlich sagen. Von dem Recht machen ja auch viele Menschen ausgiebig Gebrauch. In diesem Fall habe ich zum ersten Mal in meinem Leben mit einer Anzeige reagiert, denn der Leserbrief endete mit dem Satz: „Früher hätte man solche Nestbeschmutzer bei Nebel ins Watt gejagt.“ Jeder in Ostfriesland weiß, dass das eine Morddrohung ist. Ich verstehe auch nicht, warum eine Zeitung solche Gewaltfantasien gegen einen Autor druckt. Der PEN Club, der sich in 150 Ländern für Meinungsfreiheit und Autorenrechte einsetzt, hat sich sofort auf meine Seite geschlagen und eine Stellungnahme veröffentlicht, dass diese Aussage nicht unter „Meinungsfreiheit“ fällt, sondern im Gegenteil Meinungsfreiheit verhindern soll, weil ein Autor eingeschüchtert werden soll. Viele Kollegen der schreibenden Zunft hoffen sehr mit mir, dass ein Gericht hier eine klare Grenze zieht, zwischen dem was geht und dem, was eben nicht geht. Damit wären wir wieder bei moralischen Fragen. Bei Gut und Böse. Vor Gericht und auf hoher See ist man ganz in Gottes Hand. Was ich mache, wenn das Gericht entscheidet: „Ja alles gut. Man darf so mit Klaus-Peter Wolf umgehen…“, weiß ich noch nicht. Wer kämpft, kann verlieren. Vielleicht wird am Ende Literatur daraus.

Klaus-Peter-Wolf: Todesspiel im Hafen. Fischer, 384 Seiten, 10, 99 Euro.