Interview mit Regisseur Jochen Alexander Freydank

Interview mit Regisseur Jochen Alexander Freydank : „Die Sender sind sehr auf der Suche“

Der Oscar-Preisträger über seinen neuen TV-Film, die Rolle der Streaming-Dienste und den neuen saarländischen „Tatort“-Kommissar.

Mit seinem Kurzfilm „Spielzeugland“, der 2008 beim Filmfestival Max Ophüls in Saarbrücken lief, gewann Regisseur und Autor Jochen Alexander Freydank (51) 2009 einen Oscar. Seitdem hat er „Tatorte“ und einen „Polizeiruf“ gedreht, Usedom- und Barcelona-Krimis fürs Fernsehen und die Kafka-Adaption „Der Bau“ fürs Kino. Am Montag zeigt Sat.1 seinen Thriller „Dein Leben gehört mir“, in dem ein scheinbarer Traummann (Vladimir Burlakov) für eine Frau (Josefine Preuß) zum Albtraum wird –  als Stalker versucht er, ihre Existenz zu zerstören. Vorab-Kritiken versprechen einen „auch filmästhetisch bemerkenswerten Thriller“.

„Dein Leben gehört mir“ ist eine Produktion für Sat.1, zuletzt drehten Sie zwei „Barcelona-Krimis“ für die ARD. Wie groß sind die Unterschiede zwischen der Arbeit für Privatsender und für öffentlich-rechtliche?

Freydank Unterschiede gibt es für mich nicht, die Strukturen sind fast  identisch. Man hat es jeweils mit einer Redaktion zu tun, die Abläufe sind ähnlich, die Kommunikationswege auch. Letztendlich ist „Dein Leben gehört mir“ für Sat.1 dann auch ein eher ungewöhnlicher Thriller geworden.

Regisseur Jochen Alexander Freydank, der im Saarland einen „Tatort“ und den Kinofilm „Der Bau“ gedreht hat. Foto: Oliver Dietze. Foto: Oliver Dietze

Inwiefern?

Freydank Ich wollte dem Film bei aller Spannung eine ganz eigene Ästhetik geben, wollte einen Berlinfilm drehen, in dem mal nicht ständig der Fernsehturm oder das Brandenburger Tor zu sehen sind. Der Film zeigt ein November-Berlin, und Berlin kann im November wirklich weh tun. Wir wollten von der Anonymität einer Großstadt erzählen, auch wenn man ständig unter Menschen ist. Und wollten eine eher unbekannte Architektur der Stadt abbilden: von der Westberliner Platte bis zu diesen Townhouses, die Berlin jetzt durchziehen, mit ihren großen Fenstern, durch die man sich ständig beobachtet fühlt, auch wenn man in seinen eigenen vier Wänden ist – was ja zum Thema des Films passt: Stalking.

Wie viele Drehtage hatten Sie?

Freydank 22, das ist normaler Fernsehstandard.

Wie weit hat man bei Fernseh-Arbeit im Hinterkopf, dass man keine Bilder für die große Leinwand dreht, wie in Ihrer Kafka-Adaption „Der Bau“, sondern für TV-Bildschirme?

Freydank Grundsätzlich geht es mir immer um die Geschichte und um Emotionen. Aber ich habe es bisher geschafft, dass all meine Filme im Fernsehen auch Kinoästhetik haben. Manchmal man muss dafür schon ein bisschen kämpfen, aber man kann visuell schon eine Menge machen. Mittlerweile sind die Fernseher ja auch schön groß.

Und wie gehen Sie mit den Werbe-Unterbrechungen um, wenn Sie für Private drehen?

Freydank: Man weiß, dass es die geben wird, aber man weiß beim Dreh nicht wann sie kommen werden. Insofern beeinflusst das meine Arbeit nicht.

Es fällt auf, dass die Privatsender mittlerweile weniger eigene Filme produzieren als noch vor Jahren.

Freydank Ja klar, viel weniger. Vor anderthalb Jahren habe ich für RTL „Das Joshua-Profil“ gedreht, eine Sebastian-Fitzek-Adaption,  – das war in dem Jahr der einzige Langfilm, den RTL produziert hat. Die Sender sind sehr auf der Suche. Es wird jetzt aber auch bei den Privaten wieder mehr gemacht. Das freut mich. Gerade vor dem Hintergrund von Streaming-Diensten mit Abos und ohne Pausen hat es das Konzept von Filmen mit Werbeunterbrechung aber schwer.

Wie empfinden Sie den Aufstieg der Streaming-Dienste?

Freydank Grundsätzlich ist es immer gut, wenn Konkurrenz das Geschäft belebt. Wir sind ja sehr breit aufgestellt mit privaten und zwei großen  öffentlich-rechtlichen Sendern, da muss man erstmal abwarten, wie sich das Ganze entwickelt. Formal und inhaltlich ist das derzeit teilweise beeindruckend, was da gemacht wird. Aber der Streaming-Hype fühlt sich manchmal wie eine große Blase an. Netflix, Amazon Prime oder demnächst Apple produzieren ja weniger nach Bedarf, sondern mit einem riesigen Angebot in Richtung Marktführerschaft – was indirekt Verdrängung bedeutet.

Wobei die Streaming-Dienste keine Zugriffszahlen veröffentlichen.

Freydank Die Zahlen sind geheim, was für einen Filmemacher merkwürdig ist. Beim Fernsehen hat man zumindest eine Quote und im Kino spürt man das Publikum live. Ich hoffe,  dass sich das breite private und öffentlich-rechtliche System noch lange hält. Wenn es nur noch internationale Streamer gäbe, dann würden die ihre Preise ganz schnell verdreifachen und lokal produzierte  Angebote würden sich dann schnell wieder verringern.

Die männliche Hauptrolle in „Dein Leben gehört mir“ spielt Vladimir Burlakov, der neue „Tatort“-Kommissar des Saarländischen Rundfunks. Wusste er bei den Dreharbeiten mit Ihnen schon, dass er Saarbrücker Ermittler wird?

Freydank Nein, ich glaube nicht, jedenfalls hat er beim Dreh nichts davon verraten. Als er es mir später erzählte, habe ich mich sehr gefreut, denn es war eine sehr angenehme und intensive Arbeit mit ihm. Ich hoffe, dass das gut funktionieren wird. Bei Reihen wie dem „Tatort“ weiß man als Schauspieler ja nie, was langfristig kommt – man liest das erste und vielleicht das zweite Drehbuch, danach muss man abwarten. Da ist man als Schauspieler mitunter gefordert, auf die Entwicklung der Drehbücher einzuwirken, auch wenn man kein Autor ist.

Das klingt aus saarländischer Sicht wie ein später Rat in Richtung Devid Striesow, ein unbestritten großartiger Schauspieler, der bei den SR-Tatorten mit manchmal durchwachsenen Drehbüchern zu kämpfen hatte.

Freydank Ich habe das sehr allgemein formuliert.

Sie haben 2010 einen SR-„Tatort“ inszeniert, den sehr gut aufgenommenen Film „Heimatfront“ mit den Darstellern Maximilian Brückner und Gregor Weber, von denen sich der SR dann sehr überraschend verabschiedet hat. Wie fanden Sie die „Tatorte“ mit Nachfolger Devid Striesow?

Freydank Ich verdanke dem SR zum Beispiel für meinen Kinofilm „Kafkas ‚Der Bau’“ wirklich viel und meine Zusammenarbeit mit Maximilian Brückner und Gregor Weber  an „Heimatfront“ war damals eine sehr schöne. Auch mit Devid Striesow habe ich gedreht. Also dachte ich mir, wenn ich die Tatorte mit ihm ansehe, muss ich ja auch eine Meinung dazu haben. Und da wollte ich nicht in Loyalitätskonflikte geraten und habe sie nicht gesehen. Loyalität finde ich sehr wichtig, gerade in meiner nicht ganz einfachen Branche.

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