Merziger Operpläne : In Mozarts „Serail“ wird durchgelüftet

Merziger Operpläne : In Mozarts „Serail“ wird durchgelüftet

Der renommierte Schriftsteller Feridun Zaimoglu schreibt für den Merziger Zeltpalast Mozarts „Entführung aus dem Serail“ neu.

Eines kann man Joachim Arnold sicher nicht vorwerfen: Ideenmattigkeit. Andere Kulturmacher landen schon mal mit ihrem Tun in der Wiederholungsschleife, den Musik & Theater Saar-Chef treibt jedoch nach wie vor diese ewige Bühnenunruhe. Von der ja bereits der Thea-
terdirektor im „Faust“ spricht: „Wie machen wir‘s, dass alles frisch und neu. Und mit Bedeutung auch gefällig sei?“ Eben das will der 52-Jährige mal wieder schaffen, diese Saison, wenn er nach mehr als sechsjähriger Abstinenz in seinem Merziger Zeltpalast wieder zur Oper findet. Wie einst in den „M & T“-Grün-
dertagen, als der, naja, Palast noch ein ausrangiertes Zirkuszelt war und noch nicht die „Musicalitis“ im Land grassierte.

Mozarts „Entführung aus dem Serail“ hat sich Arnold fürs Sommertheater 2018 nahe der Saar ausgeguckt (wir berichteten). Andreas Gergen wird das Ganze inszenieren. Soweit, so bekannt. Doch wie wird’s denn nun frisch und neu? „Einfach nochmal ‚Entführung’ machen, hätte mich nicht interessiert“, bekundet Arnold. Also hat er mit Gergen gesonnen, gebrütet und wieder gesonnen. Dass Mozarts gut 230-jähriges Singspiel eine Wucht ist und exakt das Richtige sei, darüber hatte der in Wien, Salzburg und in ganz Deutschland gefragte Regisseur mit Produzent Arnold rasch Konsens. Was passte auch besser zu unserer Zeit, in der IS-Terrorattacken leider bittere Regelmäßigkeit sind, als ein Werk, das den Widerstreit zwischen Orient und Okzident zum Thema macht? Anno 1782 war es knapp 100 Jahre her, dass die Türken vor Wien standen: Die Herrschaften im Wiener Burgtheater dürfte da bei der Uraufführung der „Entführung“ der Schauer gepackt haben. Vielleicht schauert es auch angenehm wohlig. Bekanntlich waren die Österreicher ja nicht bloß siegreich, sie machten sich überdies den Türkentrunk der Aggressoren gleich so zu eigen, dass alle Welt heuer von der Wiener Caféhaus-Kultur schwärmt, der Mokka aber fast vergessen ist.

„Die tatsächliche oder vermeintliche Bedrohung durch den Islam ist ja nichts Neues“, sagt denn Joachim Arnold. Mozarts Oper aber deshalb mit Schock-Bildern von IS-Gräueln zu dramatisieren, am Ende gar zu skandalisieren, wäre ihm dann doch zu billig. Es muss was mit der Story passieren, meint er: Warum nicht die Geschichte der Verschleppung von Konstanze und ihrer Zofe Blonde auf einen Sklavenmarkt und zu den reichlich klischeehaften Musel-
manen neu schreiben lassen? Am besten noch von einem Autor, der einen Draht zu beiden Kulturen hat, zur westlichen wie zur nah-
östlichen?

Einen Wunschkandidaten hatten Gergen und Arnold auch fix: Feridun Zaimoglu, dieser deutsche Dichter und Denker mit Geburtsland Türkei. Schon sein Frühwerk „Kanak Sprak“ war ein Wurf, der meisterlich das eigenwillige Palavern junger türkischstämmiger Männer, die sich hier zurecht finden müssen, in Literatur konzentrierte und pointiert auch mit Multikulti-Verklärung abrechnete. Voriges Jahr nahm sich Zaimoglu hingegen den Reformator und deutschen Sprach-Heiligen Luther vor: „Evangelio“, ein wunderbar saft- und kraftstrotzender Roman in Luther-Deutsch. Arnold schwärmt da so von Zaimoglus „barocker Sprachmacht“, dass ihm selbst fast die Worte versagen. Was kaum mal vorkommt.

Noch schöner aber war, dass sich der vielfach preisgekrönte Autor gar nicht lang bitten ließ. Vor ein paar Tagen waren Arnold und Gergen bei Zaimoglu in Kiel zu Gast. Nun schreibt der, zusammen mit einem Ko-Autor, und muss bis Mai liefern. In welche Richtung sich das letztlich verdichtet, wird auch für den Zeltpalast-Chef eine Überraschung werden. Wobei der Neu-Schreiber nicht in die Arien-Worte eingreift. Gesungen wird also das, was man kennt. Soviel Revolution wollte Arnold dann doch nicht.

Feridun Zaimoglu schreibt für die Merziger Zeltoper jetzt die Mozart-Oper neu. Foto: dpa/Gregor Fischer

Ohnehin ist das Risiko für die rund-
erneuerte „Entführung“ enorm. Rund 400 000 Euro steckt Arnold in die Produktion. Will er das einspielen, braucht er eine hohe Auslastung. Aber mit frischem und neuem Theater sollte das doch eigentlich klappen.