In ihrem neuen Roman „Schutzzone“ rechnet Nora Bossong literarisch mit dem Scheitern der Vereinten Nationen ab.

Buchkritik : Wer will schon echten Frieden, wenn der falsche mehr bringt?

In ihrem neuen Roman „Schutzzone“ rechnet Nora Bossong literarisch mit dem Scheitern der Vereinten Nationen ab.

„Wollen Sie Politik oder wollen Sie Pädagogik?“, fragt der abgetauchte burundische Strippenzieher Aimé, dem die Hauptfigur von Nora Bossongs neuem Roman „Schutzzone“  nicht nur rein beruflich näher kommt, sie in seinem Unterschlupf, in den die junge UN-Diplomatin Mira aus Geheimhaltungsgründen von Aimés Leuten mit verbundenen Augen im Fonds eines Wagens gebracht wird. Mira will beides. Das eine wie das andere wird scheitern. Bossongs Roman ist eine literarisch glänzende Diplomatie-Desillusionierung, die offenkundig auf eingehenden Recherchen der Autorin hinter den Kulissen der Vereinten Nationen gründet. Ein Buch, das die Janusköpfigkeit der UN-Politik  offenbart, die vor Ort zwar Eigenständigkeit auf den Weg bringen will, jedoch durch das Absolutsetzen eigener Ansätze bei Vernachlässigung eigener Defizite letztlich maßgeblich auf Einmischung gründet.

Der Roman springt dabei kapitelweise hauptsächlich zwischen den beiden UN-Hauptstandorten New York und Genf sowie Den Haag als Sitz des Internationalen Menschengerichtshofs und Bujumbura, bis Ende 2018 Hauptstadt Burundis, hin und her und überspannt hierbei einen Zeitraum von knapp 15 Jahren. Als Neunjährige war Mira nach der Trennung ihrer Eltern für einige Monate in Bonn im Haus eines befreundeten Diplomaten untergekommen, dessen Sohn Milan Bossongs Hauptfigur knapp 20 Jahre später dann bei der UN in Genf wieder begegnen wird, wo sie mit ihm eine kurze, heftige Liebesbeziehung eingeht, die in ihrer literarischen Gestaltung von Ferne an Ingeborg Bachmanns Roman „Malina“ erinnert. Sieht man von Miras Rückblenden auf die ihre spätere innere Heimatlosigkeit vorwegnehmenden Bonner Monate von 1994 ab, zeichnet der seine örtlichen und zeitlichen Sprünge auf der erzählerischen Ebene mittels perspektivischer Brüche und Doppelbödigkeiten wiederholende Roman im Kern Miras letztlich desaströse UN-Lehrjahre von 2012 bis 2018 nach. Ihre Sätze dehnt Bossong dabei immer wieder kunstvoll in die Länge, variiert ihren Ton im Zeichen der Relativität von allem Gesagten und misstraut erkennbar dem Blendwerk absoluter Begriffe wie „Wahrheit“, „Gerechtigkeit“ oder „Versöhnung“, die die fünf Großkapitel bezeichnen.

Schon eingangs macht Bossong am Beispiel Milans klar, dass die Arbeit der Vereinten Nationen letztlich wirkungslos bleibt – Milan ist in Genf für die UN mit der Auswertung von Strategiepapieren beschäftigt, die mit der Wirklichkeit der jeweiligen Konfliktregionen wenig gemeinsam haben. „Du weißt selbst, dass die Strategien schon vor Ort nicht funktionieren, wie sollen sie von hier aus greifen?“,  fasst er die Vergeblichkeit seines Tuns gegenüber Mira zusammen.  In einem UN-Flüchtlingscamp im ostafrikanischen Burundi wird ihr ein einheimischer Lagerguide schon 2012 reinen Wein einschenken: „Ihr habt den ganzen Kontinent in eine Geschichte verwandelt. In einen Nebenzweig eurer Geschichte. Und jetzt willst du nicht mal für die Lügen bezahlen.“ Bossong spart nicht mit beißendem Zynismus. Sie beschreibt Genf als Provinzstadt, „wo man sich Staatschefs dabei denken mochte, wie sie mit Weltkugeln Billard spielen“.  Ihre Erzählerin Mira zeichnet das Leben der UN-Bediensteten in Burundi als eine abgeschirmte Parallelwelt mit Pool hinter einer hohen Gartenmauer, „die uns in unserem banalen, verkrachten Paradies schützte“.

Miras Kollegin Sarah fühlt sich schon früh vergiftet von einer „Überdosis Idealismus“. Das ewige Beschwören von Perspektiven und einer Zukunft entstamme lediglich „einer Werbeanzeige für eine bessere Welt“. Außer endloser Krisendiplomatie zwischen diversen Konfliktparteien, deren bescheidene Ergebnisse wieder in beschönigende Papiere mündeten, die in erster Linie die Existenzberechtigung der UN zu stützen hätten, passiere nicht viel, lässt Bossong die in ihrer „Schutzzone“ auftauchenden UN-Bediensteten mehr oder weniger unisono bilanzieren.  Milan, der am Ende aus Genf nach Den Haag wechseln wird, fühlt sich längst „wie ein Oberstudienrat, der die Kommasetzung in den Aufsätzen seiner Schüler verbessert. Und Kairo wird immer eine andere Kommaregel vertreten als Tel Aviv. Frag gar nicht erst nach Riad. Sollen sie doch alle ihr eigenes Alphabet behalten. Wie soll man in diesen Tagen noch Diplomatie machen, sagte Milan.“

Beständig schließt der Roman Privat- und Diplomatenleben kurz. Nicht zuletzt deshalb, um zu zeigen, wie sich beide bedingen und selbst die große Politik manchmal kleinkarierten Motiven folgt. Sei es, dass die Herrschsucht der Repräsentanten von gekränktem Stolz oder Narzissmus getrieben ist oder davon, dass ihre Frau mit einem anderen geschlafen hat. Mira trägt die Autorin dabei die Rolle einer neuen, sich diesmal ganz auf die Kunst des Zuhörens und Fragenstellens verlegenden Scheherazade an, die einigen Mächtigen und deren Emissären das ein oder andere Geheimnis entlockt, das Mira dann im Dienst der Friedensstiftung als diplomatisches Faustpfand nutzen soll.  Ob in Burundi oder in Genf, wo sie später den Zypernkonflikt ein Stück weit einer Lösung näher bringen soll: Ungeachtet ihres Verhandlungsgeschicks wird Mira scheitern. Und sich im Privaten wie im Beruflichen immer mehr verlieren. In Burundi, wo sie nach dem  Beispiel Ruandas als ersten Schritt auf dem Weg zu einem Tribunal eine Wahrheitskommission initiieren soll, bleibt sie „die Richterin in einem Puppenstück“.  Der Miras vergeblichen Altruismus durchschauende Aimé fasst es so zusammen: „Sie lassen die Leute ihre Geschichte erzählen. Das ist niedlich. Herzergreifend. Mehr nicht.“

Die Doppelmoral und wohlmeinende Heuchelei internationaler Politik skizziert Nora Bossongs gegen Ende des Romans aus seinen in der Summe hoffnungslosen Teufelskreisläufen selbst nicht mehr herausfindender und zuletzt daher auf der Stelle tretender Roman  über weite Strecken in schneidender Klarheit. Eine Lösung für die Arbeit der Vereinten Nationen hat er naturgemäß nicht. Wie heißt es einmal? „Frieden ist nur das Wort für den Moment, in dem nichts mehr zu verhandeln ist, wer wollte den schon, die einen verdienten an dem Zustand, und die anderen hatten sich mit der Zeit an ihn gewöhnt.“

Nora Bossong: Schutzzone. Suhrkamp, 332 Seiten, 24 Euro.

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