In "Der Platz" erzählt Annie Ernaux von ihrem Vater und den Gräben, die sie von ihrer Herkunft trennen

Neue Bücher : Ein Versuch, zu den gekappten eigenen Wurzeln zurückzufinden

Kleines Buch, große Wirkung: In „Der Platz“ zeichnet Annie Ernaux das Leben ihres Vaters nach und die sozialen Gräben, die sie von ihren Eltern trennen.

Als im Herbst 2017, knapp zehn Jahre nach dem Erscheinen des französischen Orginals, Annie Ernaux’ exzellentes Erinnerungsbuch „Die Jahre“ in deutscher Übersetzung erschien, überschlugen sich die Feuilletons zurecht. Weil Ernaux darin ihre eigene Biografie auf eine Weise mit einem halben Jahrhundert französischer Zeitgeschichte kurzschloss und dabei derart viel Sozialkolorit transportierte, dass in dieser „unpersönlichen Autobiografie“ (Ernaux) unter der Hand lauter kollektive Lebensmuster erkennbar wurden. Der phänomenale Erfolg des Buchs gründete darin, dass Ernaux’ „Die Jahre“ mustergültig das Prinzip einer „Geschichte von unten“ einlöste.

Mit „Der Platz“ ist nun – 2018 erschien mit „Erinnerung eines Mächens“ ein Band, der ihre Vergewaltigung als 18-Jährige in einem Ferienlager thematisierte – Teil drei der großen Ernaux-Wiederentdeckung bei Suhrkamp erschienen. Keine 100 Seiten lang, setzt sie darin nicht nur ihrem Vater ein berührendes literarisches Denkmal. Sie schildert zugleich auf luzide Weise ein elementares Identitätsproblem – das Abstreifen der eigenen proletarischen Herkunft, das in gewisser Weise immer einem Verrat der Eltern gleichkommt.

Das Buch setzt mit dem Sterben des Vaters ein – zwei Monate, nachdem die Tochter die Prüfung für den höheren Schuldienst absolviert hat. Die unterkühlte Sachlichkeit, mit der Ernaux die ihrer Mutter Halt gebenden Verrichtungen an dem Toten beschreibt – die Waschung, sein Einkleiden in einen Anzug („Er sah aus wie ein auf dem Rücken liegender Vogel“) – transportiert dabei bereits mehr Wahrheit über diese ganze „Zeremonie, an der er aus irgendeinem Grund nicht teilnehmen würde“ als jedes gefühlsgetränkte Erzählen dies wohl je vermochte. Weil Ernaux ihren Vater im Tod nicht zu einer literarischen Figur degradieren will. „Um ein Leben wiederzugeben, das der Notwendigkeit unterworfen war, darf ich nicht zu den Mitteln der Kunst greifen“, notiert sie. Wohl aber versucht sie in ihrem Buch, die beider Verhältnis prägende „Klassendistanz“ (sie eine Aufsteigerin ins Bürgertum, er zeitlebens von einem „Schatten der Unwürdigkeit“ verfolgt) auszuleuchten. Aufrichtig, wie dieses Buch ist, skizziert es ein höchst ambivalentes Verhältnis zu den Eltern: Einerseits will die Tochter sie (gegenüber den Abfälligkeiten des Bürgertums) rehabilitieren und ihr kleines Lebensglück zeigen (ihr Eröffnen eines Geschäfts nebst Kneipe). Andererseits spart sie die Beschränktheiten ihrer Welt nicht aus: ihre fehlende Bildung, ihre Abhängigkeit vom Urteil der Nachbarn und ihre Schicksalsergebenheit (bloß „nicht zu hoch hinauswollen“). Indem Ernaux die Aufs und Abs im provinzellen Leben der Eltern schildert, fügen sich diese biografischen Splitter dann nach und nach, frei von aller Verächtlichkeit und Stilisierung, zu einem umfassenden Puzzlebild kleinbürgerlicher Mentalität zusammen. Das Staunen darüber, ein Geschäft führen zu können. Das Zurückstellen von Wünschen. Die Angst vor einer Blamage. Als Händler, der der Vater zuletzt war, der „Hass auf die eigene Unterwürfigkeit“ der Kundschaft gegenüber, Und bei alledem das nie schwindende Gefühl, zu den Erniedrigten zu gehören – selbst dann noch, als man endlich keinen Mangel mehr leidet.

Lange bevor Didier Eribon in „Rückkehr nach Reims“ das widerspruchsreiche Porträt eines (bei ihm kommunistischen) Proletarierhaushalts zeichnete und damit für Furore sorgte, hat Annie Ernaux dies – ganz ohne Eribons politische Links-Rechts-Implikationen – in ihrem im Original bereits 1983 erschienenen Buch „Der Platz“ getan. Während dies bei Eribon soziologisch aufgeladen war, ist es bei Ernaux zutiefst vom Leben beglaubigt.

Annie Ernaux: Der Platz. A.d.Frz. von Sonja Finck. Suhrkamp, 95 Seiten, 18 €