Im Roman "GRM - Brainfuck" gelingt Sibylle Berg ein erschütterndes Zeitbild

Neue Bücher : Nicht verrecken in diesem „Drecksleben“

Sibylle Berg schildert in „GRM – Brainfuck“ das gerade zerfallende Europa: Die Ausweglosigkeit darin spiegelt unsere Realität.

Rochdale ist ein „kleines Kaff in der Nähe von Manchester“. Dort leben die Kinder Hannah, Karen, Don und Peter. „Rochdale war laut den Berechnungen bereits im fünften Jahr die deprimierendste Stadt des Königreiches“, heißt es in diesem aufregenden Roman. „Stadtgewordene Gehirnschäden sind absolut nicht konsumfördernd, also befand sich die Stadt im Todeskampf. Seit Jahrzehnten. Wie Tausende Städte des Westens, die sich alle ähneln: Backsteinhäuser, durchweichte Straßen und ein Kino, geschlossene Postämter, geschlossene Supermärkte.“

Der neue Roman von Sibylle Berg (56) ist eine Welterklärungsbeschreibung, unterlegt von Rap-Musik und düsteren Beats. „GRM“ ist ihre Abkürzung für den englischen Begriff „Grime“ („Schmutz“). Mit kurzen, mal lapidaren, mal zugespitzten Sätzen schildert Sibylle Berg auf über 600 Seiten das Leben von Teenagern, die gerade in das Erwachsenenalter eintreten (sollten). Rhythmus und Sprachstil passen perfekt zusammen. Die aus Weimar stammende Autorin, die in der Schweiz lebt, erweist sich einmal mehr als exzellente Schriftstellerin.

„GRM“ ist keines dieser schwer lastenden Bücher, die ihre Leser das Gruseln lehren. Es ist eine Beschreibung der Realität in naher Zukunft. Als es den vier jungen Menschen dämmert, dass sie in Rochdale keine Zukunft mehr haben, wollen sie nach London. Dort hat die Regierung allerdings den meisten Bürgern einen Registrierungs-Chip einpflanzen lassen, und wer das zuließ, erhält ein ordentliches Grundeinkommen, das zum Leben reicht. Das Problem: Man lebt in einer Überwachungsdiktatur, der Staat hat stets den Zugriff ins Persönliche. Das wollen die jungen Leute ums Verrecken nicht. Sie versuchen, außerhalb des Systems zu überleben.

Noch aber sind die Kinder in Rochdale. In den miesen Häusern, in denen sie wohnen, wird mit Drogen gehandelt. Familienmitglieder sind zerstritten, manche bringen andere um. Die Familien sind zerrüttet, Mütter und Väter arbeitslos, alkohol- oder drogenabhängig, seelisch so zerfurcht, dass sie ihrem Nachwuchs nicht mehr beistehen können. Sibylle Berg hat dafür treffende Sätze gefunden: „Sie waren Kinder, die auf dem Dach eines hässlichen Gebäudes saßen, auf die bekannte, unendlich langweilige Stadt blickten und Angst hatten vor dem Weggehen. Weg von allem hier. Die Angst glich jener, die man verspürt, bevor man an einem Gummiseil in einen Abgrund springt. In Sekunden ist das Gehirn panisch mit der Suche nach einem Ausweg beschäftigt. Es gibt keinen.“

Eine Sexgang ist auf junge Mädchen aus, es geht um seriellen sexuellen Missbrauch, die Polizeiermittlungen sind umfangreich. Eine 15-jährige Engländerin floh immer wieder aus dem Heim, in dem sie betreut wurde. Auf einen Zettel schrieb sie: „Asiaten nehmen mich mit. Sie machen mich betrunken, geben mir Drogen, haben Sex mit mir und sagen, ich solle niemandem davon erzählen. Ich will weg von hier.“

Es ist eine fiktive Welt, die in diesem Buch geschildert wird. Aber sie kommt der Wirklichkeit erschreckend nahe und bringt die jugendliche Energie in Form von Musik in Bewegung. Die vier haben Idole, die schicke Turnschuhe und Ketten tragen, die dicke Autos fahren und sich dauerwütend geben. Ihr Soundtrack entspricht dem Lebensgefühl der jungen Rochdaler, die „wütende Drecksmusik für Kinder in einem Drecksleben“.

Sibylle Berg hat einen eminent politischen Roman geschrieben. Aus Empathie für die unschuldig in die Elendsspirale versetzten Kinder, auch für ihre Eltern und jene Erwachsenen, die dem Staat ausgeliefert sind. In England herrscht nach wie vor die britische Oberschicht, das soziale Gefälle ist enorm. Was die Autorin will mit diesem Buch, ist, dass hingeschaut wird. Was soll aus den Kindern werden in all der Ungerechtigkeit und der grotesken Missstände im heutigen Europa? Ihr gelingt ein Roman, der wirklich die Probleme unserer Zeit erfasst.

Sibylle Berg: GRM – Brainfuck. Kiepenheuer & Witsch, 640 S., 25 €

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