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Oper im Staatstheater: Im Räderwerk des Fanatismus

Oper im Staatstheater : Im Räderwerk des Fanatismus

Roland Schwab inszeniert die Rossini-Oper „Guillaume Tell“ am Saarländischen Staatstheater. Premiere ist am Sonntag.

Gioachino Rossini krönte und beschloss seine Karriere als Opernkomponist mit Guillaume/Wilhelm Tell, 1829 in Paris uraufgeführt, ein Jahr vor der Juli-Revolution, die die Bourbonen hinwegfegte. Dem Schiller-Drama ist die Geschichte entlehnt. Der aufrechte Landmann Wilhelm Tell führt die Schweizer in die Rebellion gegen Fremdherrschaft. Tell bietet der Willkür des Vogts Gessler die Stirn, kaltblütig schießt er seinem eigenen Sohn einen Apfel vom Kopf und wird in Folge des Geschehens zum Tyrannenmörder und Freiheitshelden.

Rossinis Librettisten gaben den Frauenrollen größeres Gewicht, es sollen ja nicht nur Männer singen, und sie holten Tell stärker an die Front, als er dies bei Schiller ist. Der neue Intendant des Saarländischen Staatstheaters Bodo Busse hat für den Auftakt der Spielzeit 2017/18 den 1969 geborenen Regisseur Roland Schwab verpflichtet. Schwab wuchs in München auf, studierte in Hamburg Musiktheaterregie, er inszenierte an der Deutschen Oper Berlin und an der Bayrischen Staatsoper München.

Dem abrupt, beinahe brachial, einsetzenden Galopp der Ouvertüre, einem echten Klassik-Hit, geht ein viel weniger bekanntes melodisches Idyll voran, beginnend mit einem zarten Cello-Solo. Roland Schwab hört in Rossinis letzter Oper die Skepsis gegenüber der Realität. Ist Tell wirklich ein Heilsbringer oder setzt er die Gewaltspirale fort? „Können aus fanatischen Kriegern wirklich Friedensgaranten werden?“ Rossini habe im Tell eine Welt komponiert, die ganz leicht aus der Balance geraten könne, das „Räderwerk des Fanatismus“ erfasst die Menschen, ihre Radikalisierung nimmt in der nächsten Generation sogar noch zu. Der Hass entzündet sich an den Unterdrückern, wächst sich aus, wird zum „perpetuum mobile.“ Schwab sieht eine „Masse, die einen Lauf hat,“ hört im „Rütlischwur“ eine Art Wagnerscher Götterdämmerung, den „Hagen mit seinen Mannen.“

Rossini gelinge mit seiner „musikalischen Delikatesse“ aber immer der Wechsel zum Leichten. Das große Finale der Oper – die „beste, visio­närste Musik, ein Utopiepanorama über alle Tonarten hinweg,“ zeige den Frieden als Wunschtraum, der wieder zerfallen kann.

Schwabs Ideal ist der Autorenfilm, Fellini, Tarkowskij, aus dem Nichts erschaffene Welten mit Rätselcharakter und surrealen Momenten, „Parallelkosmen mit Hypnosekraft sind wichtig für mich.“ Bevor Schwab ins Regiefach wechselte, war er Physikstudent. Bei der Oper, per se surreal, kann er Verdichtung, Chiffrierung, Veredelung weit treiben, kunstvolle Übersetzung für Triviales finden – „die Gewalt im Tell, wie macht man das?“ Die Bühne müsse eine innovative Kraft haben, sagt Schwab, „der Zuschauer soll Neuland betreten, wenn er meine Arbeit sieht.“ Der Regisseur arbeitet mit großem Bewusstsein für Form, „jeder einzelne Moment auf der Bühne sollte fotografiert eine Komposition sein.“ Schwab hatte berühmte Lehrer, den charismatischen Götz Friedrich, ein „Lexikon von Querverweisen,“ Harry Kupfer, der sich mit großem Elan in die Probenarbeit warf, und Ruth Berghaus, deren präzise Bilder und ihre formale Genauigkeit – erzählt die Musik sehr deutlich, kann der Rest zurückhaltend bleiben – ihn bestärkten.

„Guillaume Tell“ hat am Sonntag um 18 Uhr Premiere. Wieder am 14. September (Theatertag). Karten unter Tel. (06 81) 30 92 486.