Im Garten mit Wim Wenders

Im Garten mit Wim Wenders

Philosophieren in 3D: Wim Wenders hat mit „Die schönen Tage von Aranjuez“ ein Stück von Peter Handke verfilmt. Außer Konkurrenz war in Venedig „Arrival“ zu sehen: Der Film über den Besuch Außerirdischer unterläuft übliche Science-Fiction-Erwartungen.

Ein Theaterstück von Peter Handke als 3D-Kinofilm? Diese beiden Welten bringt man eigentlich kaum zusammen. Doch Wim Wenders zeigte bereits in seinen Filmen "Pina" und "Everything will be fine", dass man diese Technik anders einsetzen kann, als es in Action- und Animationsfilmen üblich ist. Auch in "Die schönen Tage von Aranjuez", Wenders' erneuter Zusammenarbeit mit dem österreichischen Schriftsteller, nutzt der Regisseur die Räumlichkeit, um den Zuschauer zum stillen Beobachter zu machen. Man schleicht förmlich durch den Garten eines Hauses in der Nähe von Paris, das früher der Schauspielerin Sarah Bernhardt gehörte. "Dieser Garten hat mich mit dem Wunsch erfüllt, in 3D zu drehen, weil ich das Publikum auch an diesen Ort bringen wollte - und 3D macht das möglich", erklärte Wenders in Venedig.

In diesem Garten wendet man als Zuschauer mal den Blick zu einer Frau, mal zu einem Mann, die beide in sommerlicher Idylle mit Ausblick auf die Metropole ein Gespräch führen: Sie erinnern, sinnieren, philosophieren über das Leben und die Liebe. "Wie sehen Männer die Frauen und wie sehen Frauen die Männer? Der Film ist eine mögliche Antwort darauf, aber es ist eine ewige Frage", sagte der Regisseur. So treibt man anderthalbstündig mit in einem ruhigen Fluss aus Handkes Dialogen zum Rauschen des Sommerwinds in den Bäumen, der nur durch Songs aus der Wurlitzer-Jukebox unterbrochen wird - und durch Nick Cave, der plötzlich im Zimmer am Klavier das schöne "Into my arms" singt. Anders als Darsteller Reda Kateb wirkt Sophie Semin, Handkes Ehefrau, ziemlich entrückt und hat wie der Film eine Theaterhaftigkeit, die auch die 3D-Technik kaum durchbrechen kann.

Nach der beschwingten Eröffnung mit dem Musical "La La Land" hatte der Wettbewerb ansonsten zwar einen durchwachsenen Start - allerdings mit erhöhtem Staraufkommen. Amy Adams und Jeremy Renner reisten für "Arrival" von Denis Villeneuve ("Sicario") an. Außerirdische besuchen die Erde, während der Film gängige Genre-Erwartungen unterläuft: "Arrival" verweigert sich den Alien-Sci-Fi-Reflexen des Blockbusterkinos und folgt sehr ruhig seinen philosophischen Fragestellungen von Sprache und Verständigung.

Von Ruhe war in "The Light between Oceans" von Derek Cianfrance keine Spur. Michael Fassbender verkörpert darin einen Leuchtturmwärter, der mit seiner Frau (Alicia Vikander) auf einer australischen Insel lebt. Nachdem sie zwei Fehlgeburten hatte, wird ein Boot mit einem Baby angetrieben, das sie wie ihr eigenes aufziehen - bis sie der tatsächlichen Mutter begegnen. All das geschieht mit vielen Tränen, viel Verzweiflung, viel aufwallender Emotion. Ja, viel hilft viel, scheint sich Regisseur Cianfrance gedacht zu haben und nimmt sein Publikum durch die schwulstige Melo-Mangel: mit Alexandre Desplats gnadenloser Dramamusik-Soße, Vikanders passendem Verausgabungsspiel und Bildern, die die wilde Inselnatur immer wieder gern mit kitschiger Romantik zähmen. Immerhin, man ist froh darüber, dass hier durch 3D nicht versucht wird, einen noch tiefer in die tosend überzogene Dramatik zu ziehen. Da verbringt man doch lieber einen Sommernachmittag mit Wenders, Cave und Handke in einem Garten bei Paris.