Hörl-Skulpturen in Völklingen: „Ich sah überall diese kleinen Arbeiter“

Hörl-Skulpturen in Völklingen : „Ich sah überall diese kleinen Arbeiter“

Seit gestern hat das Völklinger Welterbe ein großes und 100 kleine Arbeiterdenkmale. Geschaffen hat sie der Konzeptkünstler Ottmar Hörl.

Für den Hüttenarbeiter ist es in Völklingen am Montag fünf vor Zwölf. Die Schlinge hat er auch schon um den Hals. Seinem Schöpfer, Ottmar Hörl, gefällt das. Arbeitet er doch gerne mal nach Sprichwörtern, diesen eingedampften Lebensklugheiten, die seine Oma ihn schon lehrte. So trug er bereits 10 000 Eulen nach Athen – zu den Olympischen Spielen 2004 war’s, von Mercedes bezahlt. Und er lässt die Deutschen seit Jahren ihre Hände in Unschuld waschen, mit Hörls Seifendose und Unschuldseife. Gut 70 000 erkauften sich bereits die künstlerische Waschung (signiert macht das 17 Euro). Die offizielle Auflage endet aber erst bei 82 Millionen. Da könnte also noch manche Unschuld eingeseift werden.

Jetzt jedoch hat Hörl, der von Kanada bis Südkorea viel beauftragte Großmeister des Seriellen und Professor an der Nürnberger Akademie der Bildenden Künste, für manche aber auch bloß der Figurenaufsteller der Nation, im Völklinger Weltkulturerbe zugeschlagen. „Second Life“ heißt sein Projekt mit 100 knapp ein Meter kleinen Hüttenarbeitern aus Kunststoff, die er im gewaltigen Areal des Alten Eisenwerks postierte. Dort, wo Besucher hindürfen, aber auch dort, wohin man nur mit Augen wandern darf. Lotsen, Begleiter, Gedankenanstoßer sollen die Plastikkameraden sein, kleine Kerle in Orange, Gold und Blaugrün. Dazu kommt noch ihr großer Bruder, der nun vor dem Hütten-Eingang wacht. Knallorange, samt Sockel 6,20 Meter hoch. Damit überragt er übrigens die neue, von Chinesen finanzierte Marx-Skulptur, die Ende der Woche in Trier enthüllt wird, um einen Meter. „Rein zufällig“, murmelt Welterbe-Chef Meinrad Maria Grewenig, als sei’s ihm unangenehm. Freut sich dann aber doch, dass sein Arbeiter-Monument jenes für den Chefideologen der Arbeiterklasse toppt.

Der Trierer Marx allerdings ist ein altmodischer Mann aus Metall, Hörls Schaffer modern aus Fieberglas geboren. Als es dem Riesen kurz vor Montagmittag an den Kragen geht, der Kran die Schlinge umlegt, um ihn aufs Postament zu hieven, und noch dazu der Wind zerrt, kommen aber Zweifel auf. Hält der Kunstfaser-Hals? Kurz nach High Noon aber steht er. Fest verschraubt. Und wankt nicht mehr. Ottmar Hörl bleibt bei der Chose eindeutig der Gelassenste von allen. Der 67-Jährige zieht nur mal lässig wie Clint Eastwood am Zigarillo. „Klappt schon“, meint er, die weltweite Routine öffentlicher Kunstaktionen intus. Tatsächlich als Bildhauer geschaffen hat Hörl nur das Muster des kleinen Werktätigen. Ähnlich wie Puppenköpfe wurden danach seine Kollegen gegossen. Der Goliath dagegen kommt als Spezialanfertigung aus Polen. In Deutschland wär’s viel teurer geworden, räumt Grewenig ein. Auch das gehört zur Wirklichkeit in der Arbeitswelt 2018.

Hörls Skulpturenprojekt muss man nun als Teil jener Aktivitäten sehen, mit denen das Welterebe sich verstärkt – endlich, sagen viele – den Menschen widmet, die in der Hütte plotzten. Oder zur Arbeit genötigt wurden. Christian Boltanskis Mahnmal (nicht nur) für die Zwangsarbeiter, das im September fertig werden soll, könnte da wie ein gänzlich anders konzipiertes Pendant wirken.

Grewenig hat Ottmar Hörl aber auch deshalb nach Völklingen geholt, weil er eben diesen Aufmerksamkeitsfänger schätzt. Denn wo Hörl ist, schaut alles hin. „Wir sind hier durchgelaufen, durch diesen Riesenschrotthaufen, auch wenn es ein Welterbe ist, und ich dachte sofort, hier fehlt was“, berichtet der stets forsch Formulierende von den Vorarbeiten: „Ich hatte eine Vision: Ich sah überall diese kleinen Arbeiter.“

Anhand von alten Fotos hat er sein Bild eines Hüttenmannes kreiert. Keinesfalls verherrlichen wollte er ihn, „schließlich haben Tausende hier auch ihre Jobs verloren, als die Hütte dicht machte.“ Unter all seinen Projekten sei dieses ganz besonders. Denn: „Für einen Arbeiter macht niemand was. Für Wagner und Goethe, für die muss man nichts mehr machen“, sagt Hörl. Was ihn aber nicht davon abhielt, sich diesen allzu Bekannten auch noch zu widmen. Seine Kunst aber sei „zutiefst demokratisch“, soll alle ansprechen, vor allem Kommunikation anstacheln. Das gehe am besten, wenn man vom Bekannten her komme. Und dort arbeite, wo keine gefühlten Schranken abhalten. Der sonstige Kunstbetrieb sei eine „Glaubensgemeinschaft von wenigen Wissenden und Reichen“, befindet ausgerechnet der Kunst-Professor. Um denen zu gefallen, sei er nicht Künstler geworden. „Ich arbeite für die gesamte Gesellschaft. Überall, wo ich im öffentlichen Raum arbeite, ist der Kontext klar. Jeder versteht, warum der Dürer-Hase tausende Male in Nürnberg sitzt, aber schon wegen der grünen Farbe, kommt die Diskussion in Gang“, ist Hörl überzeugt.

Das serielle Prinzip hat er über Jahrzehnte perfektioniert und merkantilisiert. Weltweit verkaufen rund 250 Galerien seine Arbeiten. Seine Multiples, wie er seine Figuren nennt, gehen zu Hunderttausenden weg. Für ihn: Wa(h)re Kunst. „Alles ist heute seriell, dass wir uns alle Bücher, Autos, Waschmaschinen kaufen können, ist nur dank des Seriellen möglich.“ Dass viele seiner Kollegen just darüber die Nase rümpfen, aufs Original und Unikat pochen, ficht ihn nicht an. „Nichts ist einfacher, als Originale zu machen. Ich gehe ins Atelier und mache ein Original nach dem andern“, entgegnet Hörl. Arbeit für die Großserie setze einen viel mehr unter Druck. „Wenn ich da Scheiße baue, guckt die ganz Welt zu. Wenn ich ein mittelmäßiges Bild an einen Millionär im Vordertaunus verkaufe, hängt er das in sein Wohnzimmer, und dann ist es weg.“ Kein Wunder, dass Hörl auch unverdruckst sagt: „Ich wollte immer schon Erfolg haben.“ Warum auch nicht? Ohne Erfolg werde man nicht wahrgenommen. Und in Völklingen dürfte er das schaffen. Mal wieder.

Rund 100 kleine bunte Arbeiter bevölkern jetzt das gesamte Hüttengelände in Völklingen. Foto: dpa/Oliver Dietze

www.voelklinger-huette.org