„Ich bin immer noch ein Wüterich“

„Ich bin immer noch ein Wüterich“

Der Festival-Ehrengast Marcel Ophüls hat am Mittwochabend einen seiner Filme gezeigt und über seine Arbeit gesprochen. Man erfuhr unter anderem, dass Hitlers Architekt Albert Speer „ein ganz charmanter Mann“ war und der eigene Vater Max Ophüls ein „großer Verführer“.

Leute gibt's. Als es der Dame neben mir am Ende des Werkstattgesprächs etwas zu lang wird und Marcel Ophüls, immerhin 88 Jahre alt, noch einmal zu einer längeren Antwort ausholt, da schnauft sie mehrmals demonstrativ leidend und entrüstet. Respektlos. Respektvoll ist Moderator Urs Spörri, der den oscarprämierten Dokumentarfilmer am Mittwochabend bei der Stiftung Demokratie im Saarland über seine Arbeit befragt - im Anschluss an Ophüls' 1980er Doku "Kortnergeschichten" über Regisseur Fritz Korner. Der habe dem jungen Marcel, erzählt er, im US-Exil mal den Prolog aus "Faust I" vorgetragen, auf heimlichen Wunsch des Vaters Max Ophüls, der den Sohn für deutsche Kultur begeistern wollte. "Die war mir damals scheißegal, mich haben damals Superman und Humphrey Bogart interessiert." Gerne spricht Ophüls über seinen von ihm verehrten Vater Max. Der habe die Geburtsstadt Saarbrücken ("damals war sie hässlich, heute ist sie gemütlich", sagt der Sohn) nie gemocht oder als Heimat empfunden; auch für den Dokumentarfilm, dem sich Marcel Ophüls verschrieb, habe er nichts übrig gehabt. Anders war es bei den Frauen. "Er war ein großer Verführer", sagt der Sohn in seinem charakeristisch näselnd-knarzigen Tonfall, die Frauen seien dem Vater damals "nur so ins Bett gefallen. Darauf war ich eifersüchtig und bin es heute immer noch."

Von den Dreharbeiten zu seinem Dokumentarfilm "Nicht schuldig?" von 1976 über die Folgen der Nürnberger Prozesse erzählt er, von Gesprächspartner Albert Speer ("ein ganz charmanter Mann"), der gegenüber Ophüls die Anrede "Professor" abgelehnt habe, weil dies ein Nazi-Titel sei - umso lieber habe er sich im Heidelberger Edelrestaurant vom Personal genau so anreden lassen. Ophüls' überraschende These im Zusammenhang seiner Arbeit zur NS-Zeit und zum Holocaust: "Von der Shoa gibt es genügend Filme." Diskussionen seien nötig, aber abgebildet habe man alles, "es genügt".

Auf seine ganz eigene Interview-Technik des scheinbar arglosen Fragens angesprochen, verweist Ophüls auf sein Vorbild: den scheinbar zerstreuten Polizisten Columbo. Dass er in seinen Filmen so nett wirkt, "ist mein Job", sagt Ophüls - privat sei er das nicht zwingend: "Ich bin immer noch ein Wüterich".

Marcel Ophüls liest heute ab 18 Uhr bei der Stiftung Demokratie Saarland (Europaallee 18) aus seiner Autobiografie.

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