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Huldigung für Palmyras zerstörte Schätze

Huldigung für Palmyras zerstörte Schätze

Eine Ausstellung in Hannover dokumentiert die Zerstörungen der IS-Terroristen in der syrischen Antikenstadt.

"Die Zerstörung in Palmyra zerreißt einem das Herz, und deswegen ist diese Ausstellung für mich auch eine Herzensangelegenheit." So bringt Anne Viola Siebert ihre Gefühle auf den Punkt. Sie ist die Kuratorin der Sonderausstellung "Palmyra. Was bleibt? Syriens zerstörtes Erbe" des Museums August Kestner in Hannover. Die Schau will an einmalige Kulturschätze erinnern, die 2015 in der weltbekannten syrischen Ruinenstadt durch die Terrororganisationen Islamischer Staat vernichtet wurden. Selten dürfte eine archäologische Ausstellung so einen aktuellen Bezug gehabt haben - nicht zuletzt durch neuerliche Sprengungen des IS, dessen Kämpfer nach ihrer Vertreibung aus Aleppo Ende 2016 wieder nach Palmyra zogen und dort weitere Kulturgüter zerstörten.

Das Kestner-Museum stellt Zeichnungen des Architekten Louis-Francois Cassas in den Mittelpunkt, der 1785 die Schönheit der antiken Monumente von Palmyra festhielt. Als er damals von weitem die hoch aufragenden Turmgräber von Palmyra sah, notierte er in sein Tagebuch: "Ich wurde von einer religiösen Ergriffenheit gepackt, die sich beim Näherkommen noch steigerte." Sein besonderes Interesse galt dem Bel-Tempel, der in der Schau im Mittelpunkt steht. Er wurde im zweiten Jahrhundert nach Christus erbaut, war dem Gott Bel gewidmet und ist eines der wichtigsten religiösen Bauwerke im Nahen Osten.

Einzigartig wurde er durch die Verschmelzung von griechisch-römischen Bautraditionen wie korinthischen Säulen und Giebeldach mit orientalischen Einflüssen - gut zu sehen am Korkmodell des Tempels, das vom Modellbauer Dieter Cöllen als "Teil eines lebendigen Widerstands gegen die unerträgliche Zerstörung" angefertigt wurde. "Der Tempel wurde später von Christen und auch von Moslems genutzt. Seine Zerstörung durch den IS drückt blinde Wut aus", sagt Siebert.

Neben den großformatigen historischen Bauaufnahmen von Cassas finden sich Bilder des libanesischen Fotografen Joseph Eid, die er 2014 und 2016 gemacht hat. Eid nimmt dabei jeweils dieselbe Perspektive ein - so wird das ganze Ausmaß des Verlustes der seit 1980 zum Unesco-Welterbe gehörenden Stätten deutlich. In Hannover werden aus den Beständen verschiedener Museen zudem historische Münzen, Gläser, Fliesen sowie Büsten von Verstorbenen gezeigt, die von Sarkophagen aus Palmyra stammen. Seitdem in Syrien der Krieg tobt, nehmen die Plünderungen kultureller Stätten zu und Händler bieten solche Objekte für viel Geld an. "Es gibt eine Übereinkunft der Museen, davon die Finger zu lassen", sagt Museumsdirektor Thomas Schwark.

Syrische Regierungstruppen haben kürzlich mit russischer Hilfe Palmyra vom IS wieder zurückerobert. Auf einem großformatigen Foto zu Beginn der Ausstellung taucht der seit Jahren tobende Krieg indirekt auf - in einer Munitionskiste mit kyrillischen Buchstaben liegt eine Grabbüste. "Ein Großteil der Schätze aus Palmyra, die dort in Museen gezeigt wurden, ist evakuiert worden und befindet sich heute im Nationalmuseum Damaskus", sagt Siebert.

Mit der gelungenen Schau will das Museum die wohl eindrucksvollste antike Ruinenlandschaft des Vorderen Orients für die Nachwelt dokumentieren und dabei auch Flüchtlinge ansprechen - alle Texte sind auf Deutsch, Englisch und Arabisch. Bei aller Trauer um den Verlust der Kulturschätze unterstreicht Schwark: "Unsere Gedanken sind bei den Menschen in Syrien, die unter Krieg und Terror gelitten haben und leiden."

 Völlig verwüstet wurde das Archäologische Museum in Palmyra von IS-Terroristen. Hier ein Foto vom Oktober 2016. Foto: Amrai Coen / Die ZEIT
Völlig verwüstet wurde das Archäologische Museum in Palmyra von IS-Terroristen. Hier ein Foto vom Oktober 2016. Foto: Amrai Coen / Die ZEIT Foto: Amrai Coen / Die ZEIT

Läuft bis 9. Juli. Geöffnet Di/Do bis So: 11-18 Uhr. Mi: 11-20 Uhr.