Hippies im Mattiswald

Es ist bereits das fünfte Stück der gefragten Dramatikerin Felicia Zeller, das das SST zeigt – und bei weitem nicht ihr bestes. Die Uraufführung von „Ich, dein großer, analoger Bruder, sein verfickter Kater und du“ kam am Sonntag nicht über eine tapfere Bemühung hinaus.

Pechschwarz wird es gleich zu Beginn im Saal. Ein krachender Donner schlägt in die Magengrube, Blitze zucken, Kinder kreischen vor Schreck - und die beiden Mütter der Geschichte - Lovis und Undis - gebären singend Ronja und Birk, während die Mattisburg im Gewittersturm in der Mitte entzwei bricht. In der mystisch-romantischen Waldkulisse (von Carolin Mittler) tut sich der "Höllenschlund" zwischen einer Burg aus Holzpaletten auf - das zentrale Bild Astrid Lindgrens für all die Gräben und Konflikte dieser berühmten Coming-of-Age-Geschichte, die es zu überwinden gilt bis zum Happy End, in dem sich Ronjas und Birks verfeindete Sippen schließlich versöhnen.

"Ronja Räubertochter" erschien 1981 als letztes Buch von Astrid Lindgren. Sie erzählt darin eine Art "Romeo und Julia"-Geschichte mit gutem Ausgang. Und es ist mal wieder - wie bei Pipi Langstrumpf - ein starkes, selbstbewusstes Mädchen, das den Ton angibt. Sophie Köster mit wilder Mähne und in kurzen Hosen gibt eine wunderbar rotzige, willensstarke Ronja. Mit Georg Mitterstieler als herrlich jähzornig-zotteligem Räubervater Mattis spielt sie sich die Bälle und Scherze zu. Der Räuberhauptmann muss die Vereinbarkeit von Familie und Beruf noch üben, ist er doch abgöttisch verliebt in seine einzige Tochter, was ihn - wie seine resolute Frau Lovis (Chris Nonnast) rügt - zuweilen seinen Räuberjob vernachlässigen lässt.

Die Mattisburg ist ein gemütlicher Verschlag aus Holzpalletten, der immer dann hochgefahren wird, wenn Ronja nicht im Wald rumläuft, um sich mit Birk (Ali Berber) zu treffen. Bühnentechnisch hat diese Inszenierung einiges zu bieten, der Wald mit seinen Fabelwesen ist gleichermaßen Rückzugsgebiet und Herausforderung für Ronja. Dort besiegt sie ihre Ängste, bietet den gefährlichen Wilddruden die Stirn, lernt, dass die unheimlichen Graugnomen und Rumpelwichte harmlos sind. Der Wald als Wildnis spiegeln Ronjas Innenleben. Indem sie ihn entdeckt und erobert, findet sie zu sich selbst und nabelt sich von Übervater Mattis ab. Der nimmt Birk als Geisel, um dessen Borka-Sippe aus seiner Nordburg zu vertreiben. Als sich Ronja den Borka-Räubern freiwillig ausliefert, um Bork frei zu bekommen, entfährt Mattis der brutale Satz "Ich habe kein Kind mehr". Es ist dies der dramatische, bittere Höhepunkt am "Höllenschlund", der den kleineren Kindern im Publikum viel abverlangt, denn das lustige Kinderstück verliert hier seine Unschuld. Es wird zu Jugendliteratur: Die pubertierende Ronja widersetzt sich ihrem Vater, durchschaut seine Charakterschwäche, entscheidet sich für Birk und gegen ihre Familie - und zieht mit ihrem Freund aus (in den Wald).

"Gitarrson" (Endi Caspar) - eine neugeschaffene Räuberfigur - begleitet das Treiben das gesamte Stück hindurch auf der Gitarre. Es hat was von Hippie-Kommune, wenn die bunt gewandeten, langhaarigen Räuber Party machen (Kostüme David Gonter). Den großen Räuberclan hat Regisseurin Brigitte Dethier auf wenige Schlüsselfiguren reduziert, die für die Entwicklung der Ronja-Figur wichtig sind. Klaus Meininger spielt den alten, weisen und gutherzigen Glatzen-Per, dessen Tod das junge Publikum gegen Ende in einer ergreifenden Szene aushalten muss: Er verschwindet zum Sterben im Wald. Leider kann (oder soll?) diese Szene kaum nachwirken, denn sofort geht die Handlung weiter, die beiden Räuberbanden kämpfen um die Führung.

Dass Ronja nicht in Papas Fußstapfen treten will - nicht mal als "Hauptfrau" - ist klar. Dass sie das letzte Wort hat, auch. Lindgrens starkes Mädchen wird zu einer jungen selbstbewussten Frau.

Viele Termine im Nov/Dez. Karten: Tel. (06 81) 30 92 486.

Vor der Premiere zog die Autorin mit zwei dicken quietschrosa Katzen-Luftballons durch die Alte Feuerwache. Lasst uns froh und munter sein - ach hätte die Regisseurin nur ein ganz klein wenig von dieser, von Felicia Zellers Verrücktheit entwickelt, der Abend hätte noch glücken können. Obwohl "Ich, dein großer, analoger Bruder, sein verfickter Kater und du" nur Szenen-Fetzen liefert, halbgar und inhaltlich schütter wirkt. Oder läuft da ein Versuch, ins Poetisch-Ungefähre abzuheben?

Die Autorin ist wegen eines eigentümlich verschrobenen Sounds beliebt und gefragt. Auch in Saarbrücken sah man bereits "Kaspar Häuser Meer" (2009), "Der großer Blöff" (2010), die "Gespräche mit Astronauten" (2014) und "Wunsch und Wunder" (2015) - Sozial-Farcen zu zeitgeistigen Themen, etwa zur Reproduktionsmedizin. Beim "Analogen Bruder" geht's um Daten-Spionage und den alltäglichen Überwachungs-Terror in einer WG, um Intimität und Fremdheit. Zeller hat für diese Auftragsarbeit ihren kalauernden Sound abgeschwächt, hat ihren Stakkato-Stil aus unvollendeten Sätzen, Wiederholungen und Leer-Floskeln radikalisiert. Einmal mehr wogt ein Stimmen-Meer undefinierbarer Figuren, der Eindruck des Ausfransens hat sich verstärkt. Vielleicht holt Marie Bues deshalb das Stück nicht herunter auf eine reale WG-Couch, auf der sich ein ungebetener Gast - ein "Big Brother" samt fettem Kater - breit macht. Stattdessen platziert die Regisseurin vier Stadtneurotiker in hässlichen Klamotten auf eine schwarze, leere Bühne. Die fett bebrillten Intellektuellen agieren hinter einem Halbrund aus Absperrgittern, sprechen in Mikros und turnen sich durch ein am Boden liegendes Wirrwarr aus überdimensionierten Mikado-Stäben (Kostüme und Bühne: Indra Nauck). Irgendwann taucht noch ein riesiger weiß-rosa Manga-Katzenkopf auf. Dies alles ein nicht sehr aussagekräftiges Kunstreich für ein wenig tiefgründiges "Diskussions-Yoga".

Bei Bues ersetzt Minimalismus szenische Phantasie: Keck, kühn oder crazy ist hier nichts. Umso überraschender die Beobachtung: Zellers satirischer Wohngemeinschafts-Überwachungs-Thriller langweilt in kaum einem einzigen Moment. Man fühlt sich amüsiert, irritiert nie. Das liegt an der überzeugenden darstellerischen Leistung. Die vier Schauspieler durchtränken ihre nicht-existenten Charaktere mit einem je eigenen Temperament. Da ist Barbara Behrendt, Marke korrekte Kleinbürger-Hexe, die zu endlosen Ermahnungen und Bedenken neigt, wenn es um Schadens-Protokolle, Einkaufslisten und Verhaltensbonuspunkte geht. Ganz anders Yevgenia Korolov, ein hysterisches Temperamentsbündel, daueraufgebracht. Ihre Figur ist die einzige, die sich gegen Kontrollen und Verhöre auflehnt. Allerdings bewegt Korolov sich am Ende wie alle anderen - im Bewegungs-Modus einer Computer-Figur. Selbst der gemütliche Journalist (Niko Eleftheriadis) neigt schließlich zu Verfolgungswahn. Und Cino Djavid moduliert die Sätze, als spiele er Zeller-Orgel. So meißelt er eine exzentrische Type aus den Steinbrüchen seiner Monologe. Die kleine "Teezeremonie" mit einem Wasserkocher, der das "robuste Sockelzertifikat" trägt, wird zu einem Fest feinstdosierten Aberwitzes. Mehr davon. Doch Zeller hat diesmal ihr Potenzial nicht ausgeschöpft und eine Regisseurin, die sich zu sehr damit abfindet.

Amüsant, aber wenig tiefgründig geriet die Felicia-Zeller-Uraufführung (vorne: Yevgenia Korolov). Foto: Thomas M. Jauk. Foto: Thomas M. Jauk

Nächste Termine: 10.11. und 13.11.