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Wie funktioniert eigentlich Geschichte?: Heute ist morgen gestern – und noch verwickelter

Wie funktioniert eigentlich Geschichte? : Heute ist morgen gestern – und noch verwickelter

Warum wir die Illusion aufgeben sollten, dass Historie linear und chronologisch verläuft: Achim Landwehrs Geschichtstheorie.

Wir sind heute gewohnt, Geschichte als etwas Abgeschlossenes zu begreifen. Schubladentauglich portioniert, interpretiert und vor allem objektiviert nach Daten, Ereignissen, Quellen. Schüler können ein trauriges, zusammenhangloses Lied davon singen. Unzählige TV-Dokumentationen tun zugleich so, als ließe sich nach Belieben in Vergangenes eintauchen, unmittelbar Anteil haben an Historie. Und scheint es uns nicht so, als konservierten jahrtausendalte Scherben oder Knochen hinter Museumsvitrinen ganze Zeitalter?

In einem anregenden, 16-teiligen Essay stellt der Düsseldorfer Historiker Achim Landwehr unser heutiges Geschichtsbild von Grund auf infrage und plädiert für ein differenzierteres Zeitverständnis. Landwehrs Essay kreist um das, was er „Chrono­ferenzen“ nennt. Gemeint ist damit das wechselseitige Verhältnis von Zeitebenen (Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft), die sich realiter unentwegt gegenseitig bedingen: So wie unser heutiger Blick zurück stets interessegeleitet ist und Historie so konfektioniert (und ihr „Modellcharakter“ zuschreibt), beeinflusst umgekehrt die etablierte Lesart des Zurückliegenden („das historische Narrativ“) unser Jetzt und Künftiges. Daher spricht Landwehr von einer „Vielzeitigkeit“, die uns umgibt und im Extremfall singuläre „Eigenzeiten“ entstehen lässt.

Letztlich zielt Landwehr darauf ab, unsere gewohnte Erzählung des zeitlichen Nacheinanders mit festgefügten Kausalitäten zugunsten komplexerer, zeitlicher „Mischungsverhältnisse“ aufzugeben, deren Deutungsrahmen immer wieder neu abgesteckt werden muss. Entsprechend ist für ihn die Geschichtswissenschaft eine Gleichzeitigkeitswissenschaft. „Das Historische ist kein Nacheinander, es ist ein Durcheinander“, schreibt er. Erschwerend kommt hinzu, dass unser zwischen den Zeiten hin und her flottierender Blick erkenntnistheoretisch nicht ohne Paradoxien auskommt: Die Vergangenheit, die wir vergegenwärtigen, kann nie die sein, die unwiederbringlich entschwunden ist. Weshalb unsere Rekonstruktion immer eine durch unsere Beobachterposition vermittelte ist. Wir können nicht aus unserer Haut. Weil das aber immer schon so war, gleicht die Historie einem Spiegelkabinett, in dem sich unterschiedliche Zeiten und Perspektiven beständig miteinander brechen. Weshalb Realität Landwehr folgend immer „die jeweils historische Aktualisierung aus einer endlosen Anzahl von Möglichkeiten ist“.

Da erfahrungsgemäß nur ein bis fünf Prozent des anfallenden Materials staatlicherseits als überlieferungswürdig eingestuft wird, sind Archive vor allem „Orte der Vernichtung“. Zurecht erinnert Landwehr daran, dass sie mehr oder weniger gezielt auch Machtinstrumenten sind, „installiert von politischen Funktionsträgern zur Dokumentation und Sicherung der eigenen Position“. Dort wird darüber entschieden, welche Vergangenheit in Zukunft verfügbar sein wird. Das ist deshalb besonders heikel, weil wir heute nicht wissen können, was dereinst wissenswert sein könnte.

Womit ein Kerngedanke des erhellenden Essays benannt ist: Allzuoft tun wir so, als würde Vergangenes nach seiner Aufarbeitung (oder „Bewältigung“) nicht mehr in die Gegenwart hineinwirken. Tatsächlich ist sie nie abgeschlossen, was den (viele wohl eher abschreckenden) Titel des Buchs erklärt.

Weil Wahrheit immer nur näherungsweise zu erreichen ist, taugt Geschichte nicht als „Gottersatz“: Sie kennt keine letzten Antworten, weshalb man ihr, so Landwehr, „den Ewigkeitszahn ziehen“ muss. Die Konsequenz aus diesem Relativismus ist nicht die große Beliebigkeit von Erkenntnis. Vielmehr folgt daraus, statt den haltlosen Mythos einer „Fortschrittsgeschichte“ zu pflegen, „die wesentlich zahlreicheren Sackgassen, Irrwege, Erfolglosigkeiten“ stärker in Blick zu nehmen. Ist und bleibt Geschichte doch vor allem der Hort nicht realisierter Möglichkeiten. Diese Welt-Versionenbleiben „als latente Realitäten und als Potenziale in der Vergangenheit eingelagert.“ Ein Buch, das wichtige Anstöße zum Verständnis des komplexen Zusammenhangs von Geschichte, Zeit und Erkenntnis gibt.

Achim Landwehr: Die anwesende Abwesenheit der Vergangenheit. Essay zur Gesichtstheorie. S. Fischer, 374 Seiten, 25 €.