Hans Magnus Enzensberger wird 90

Hans Magnus Enzensberger : Distanz statt Instanz

Lyriker, Essayist, Übersetzer, Herausgeber: Hans Magnus Enzensberger feiert am Montag seinen 90. Geburtstag.

Hans Magnus Enzensberger ist heute immer ein anderer als gestern. Widerspruchsfreie Weltbilder brauche er nicht, schrieb er schon vor Jahrzehnten. Zweifel seien ihm lieber als „Sentiments“. „Am liebsten wäre ich ich selber, aber das ist natürlich unmöglich.“ So klingt das im „Selbstgespräch eines Verwirrten“ in seinem Gedichtband „Rebus“ (Suhrkamp 2009). Am Montag wird einer der bekanntesten deutschen Intellektuellen 90 Jahre alt.

Noch immer publiziert er ein Buch nach dem anderen. Erst im vorigen Jahr sind unter dem Titel „Überlebenskünstler“ 99 „Vignetten“ über Schriftsteller erschienen, die die Diktaturen des 20. Jahrhunderts überlebt haben: als Wehrmachtsoffizier wie Ernst Jünger, als Auschwitzüberlebender wie Imre Kertesz, als innerer Emigrant wie Erich Kästner. Oder die „Experten-Revue in 89 Nummern“, die in diesem Frühjahr ebenfalls bei Suhrkamp herausgekommen ist: Mit gewohntem Esprit widmet sich Enzensberger hier skurrilen Spezialisten wie den Arachnologen (Spinnenforschern) Theo Blick und Christian Komposch, die sämtliche Weberknechtarten Mittel- und Nordeuropas erkundet haben.

Begonnen hat er als Lyriker. Seine ersten Gedichte erschienen 1955 in der Zeitschrift „Akzente“. 1929 in Kaufbeuren geboren und als Sohn eines Postbeamten in Nürnberg behütet aufgewachsen, wurde er im letzten Kriegswinter zum „Volkssturm“ eingezogen. Kaum 16 Jahre alt, lernte er für die US-Amerikaner dolmetschen. Nach dem Abitur in Nördlingen studierte er Philosophie und Literaturwissenschaften in Erlangen, Freiburg, Hamburg und an der Pariser Sorbonne, promovierte er über Clemens Brentano.

1957 legte Enzensberger seinen ersten Lyrikband unter dem Titel „Verteidigung der Wölfe“ vor. Politische Empörung grundierte seine Sprachspielereien, er kritisiert Obrigkeitshörigkeit und Wohlstandsdenken. Enzensberger habe einer Generation Sprache verliehen, „die, sprachlos vor Zorn, unter uns lebt“, urteilte Alfred Andersch. Enzensberger lebte in den USA, Mexiko, Italien, heiratete eine Norwegerin – es war die erste von drei Ehen. 1960 ging er als Lektor zu Suhrkamp und blieb dem Verlag treu, als Übersetzer, Berater, Herausgeber, vor allem aber als Autor.

Enzensberger nahm an Tagungen der Schriftstellervereinigung „Gruppe 47“ teil. 1963 erhielt er als bis dahin jüngster Autor den Georg-Büchner-Preis. Auch für das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“, dessen Sprache er zuvor kritisiert hatte, schrieb er regelmäßig. 1965 erschienen die ersten Ausgaben seiner Kulturzeitschrift „Kursbuch“, die bald zum Kultmagazin der Studentenbewegung wurde. Obwohl es nicht seine Sache war, „mit Bekenntnissen um sich zu schmeißen“, wie er einmal erklärte, wurde er für die Studenten zu einer Orientierungsfigur. Enzensberger setzte auf intellektuelle Distanz: „Bekenntnissen ziehe ich Argumente vor.“

Als Poetik-Dozent gastierte er in Frankfurt, reiste als Gastdozent nach Connecticut und zog für ein Jahr ins kommunistische Kuba. Zwischen politischen Stellungnahmen und medienkritischen Essays verfasste Enzensberger weiter Gedichte. Sein Versepos „Der Untergang der Titanic“ war Ende er 70er ein Rückblick auf die Studentenrevolte und Kommentar zu Weltuntergangsszenarien. Seit 1979 lebt er als freier Autor in München. Nach seinem Ausscheiden aus dem „Kursbuch“-Team gründete er 1980 die Literaturzeitschrift „Trans Atlantic“ und 1984 mit dem Verleger Franz Greno die Buchkunstreihe „Die andere Bibliothek“, die er bis 2004 im Eichborn Verlag herausgab.

Immer wieder bezog Enzensberger lauthals Stellung, etwa als er in Saddam Hussein einen „neuen Hitler“ sah. Diese Position hat er freimütig revidiert. Literaturkritikerin Felicitas von Lovenberg verglich ihn in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ mit einem Palimpsest – einem Schriftstück, von dem die ursprüngliche Schrift entfernt und das neu beschrieben wird: „Er überschreibt sich aus Prinzip selbst.“

„Alle Fehler selbst einzugestehen, ist keine Demutsgeste, sondern durch sie befreit er sich für einen Neuanfang“, würdigte ihn Arno Widmann vor fünf Jahren in der Frankfurter Rundschau. Seiner Medienkritik jedoch ist Enzensberger treu geblieben. Nur, dass er nicht mehr das Fernsehen als „Nullmedium“ kritisiert, sondern vor den Gefahren der digitalen Welt warnt: Unter der Überschrift „Wehrt Euch“ prangerte er als 86-Jähriger in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ die digitale Überwachung durch Unternehmen und Geheimdienste an und riet: am besten das Smartphone wegwerfen.

Mehr von Saarbrücker Zeitung