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Großer Aderlass im Schauspiel-Ensemble

Großer Aderlass im Schauspiel-Ensemble

Mehr als die Hälfte des Schauspiel-Ensembles sieht man in dieser Saison, die am Wochenende startete, das letzte Mal. Intendantin Dagmar Schlingmann wird voraussichtlich etwa zehn Schauspieler mitnehmen ans Braunschweiger Theater.

Willkommen und Abschied liegen in dieser letzten Saarbrücker Saison dicht an dicht. Im Ballett hat sich bereits eine Art Rundumerneuerung vollzogen, nachdem im 19-köpfigen Ballett zehn neue Tänzer anfingen. 2017 wird sich nach dem Führungswechsel an der SST-Spitze von Schlingmann zu Bodo Busse Ähnliches im Schauspiel vollziehen. Das weiß man bereits jetzt, denn die Fristen im Theater-Arbeitsrecht für sogenannte Vertragsnichtverlängerungen sind weitgehend abgelaufen. Nur Ensemblemitglieder, die länger als 14 Jahre engagiert sind, sind unkündbar. Auch Staatsschauspieler schützt ihr Titel vor einer Entlassung. Das sind in Saarbrücken: Gabriela Krestan, Christiane Motter und Marcel Bausch.

Das System der Zeitverträge dient dazu, den Theaterchefs die größtmöglichen Spielräume für die künstlerische Erneuerung zu lassen. Mancherorts führt das bei Intendantenwechseln zu einer Tabula-Rasa-Politik, die das Publikum, das seine Lieblinge behalten möchte, verärgert. Auch in Saarbrücken könnte das bei den Fans der "alten" Schlingmann-Kerntruppe passieren. Schlingmann wird rund die Hälfte des 19-köpfigen SST-Schauspiel-Ensembles mitnehmen nach Braunschweig. Das hört man aus dem Theaterumfeld. Nach SZ-Recherchen werden dies zum Großteil jene Darsteller sein, die Schlingmann schon 2006/2007 von Konstanz aus hierher folgten. Die da wären: Georg Mitterstieler, Klaus Meininger, Gertrud Kohl, Saskia Petzold. Und Nina Schopka? Deren Vertrag soll, wie man hört, zwar ebenfalls nicht verlängert worden sein, doch es ist unklar, ob sie die Option Braunschweig ziehen wird. Man braucht darüber hinaus nicht viel Phantasie, um diese Abgangsliste mit Namen zu ergänzen. Etwa jener Darsteller, die in Schlingmanns eigenen Inszenierungen glänzten - oder in denen des mit ihr nach Braunschweig wechselnden Sparte4-Chefs Christoph Diem. Da wäre etwa Cino Djavid, dessen spezielle Ausstrahlung und querköpfige Spielart zu Schlingmanns Vorlieben passt.

Schlingmann möchte sich zu diesen Personalien nicht äußern. Sie sagt lediglich: "Ich finde alle meine Schauspieler toll, sonst hätte ich sie nicht engagiert." Sie verweist darauf, dass Vertrags-Nichtverlängerungen, anders als "Kündigungen" in der Nicht-Theater-Arbeitswelt, nichts über Qualitäten von Mimen aussagten. Im Ensembletheater gehe es um eine breite Palette und vitale Mischung von Altersgruppen und Typen. In Braunschweig kann Schlingmann 23 Schauspielstellen besetzen.

Und wie viele Leute bringt der Neue nach Saarbrücken mit? Auch Busse schweigt sich zu Personalien noch aus. Ihm oblag es, in Saarbrücken die Nicht-Verlängerungen auszusprechen. Kein leichter Job, denn Busse, der erst im Mai diesen Jahres berufen wurde, hatte keine Zeit, sich bis zu den Nichtverlängerungsfristen, die er einhalten muss, intensiv mit dem Saarbrücker Ensemble zu befassen. Zum anderen ist es üblich, sich eng mit dem alten Intendanten abzustimmen, denn der hat sozusagen das "Vorgriffsrecht" auf die Leute, die er mitnehmen möchte. Insofern könnte es passieren, dass Künstler, die Busse vorsorglich wegschickte, gegebenenfalls als Gast wiederkehren oder aber veränderte Verträge erhalten. Insbesondere im Musiktheater dürfte dies im ein oder anderen Fall so laufen. Denn Schlingmann hat wohl auch hier manchen Sänger im Auge. Freilich gibt es in dieser Sparte keine alten Verbindungen, denn Konstanz ist ein reines Schauspielhaus. Bis Ende Oktober ist noch einiges im Fluss. Dann läuft die letzte Frist aus.