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Ausstellung im Saarbrücker Literarturarchiv: Große Lebensbrüche passen nicht leicht in Vitrinen hinein

Ausstellung im Saarbrücker Literarturarchiv : Große Lebensbrüche passen nicht leicht in Vitrinen hinein

„Die tiefere Sinnlosigkeit dieser Epoche“: Das Saarbrücker Literaturarchiv zeichnet die Bedeutung des Ersten Weltkriegs im Werk dreier Autoren nach.

„Je mehr Information, desto mehr vergebliche Information“, entgegnet Sikander ­Singh, wenn man Kritik daran übt, dass die neue Ausstellung des Saarbrücker Literaturarchivs im Seitenfoyer der Universitäts- und Landesbibliothek etwa Korrespondenzen ausstellt, diese indes an entscheidenden Stellen abbrechen lässt. Doch macht es etwa Sinn, einen Brief Fritz Langs an Norbert Jacques in eine Vitrine zu legen, in dem der Filmregisseur dem aus Luxemburg stammenden Dr. Mabuse-Autor den Grundgedanken seiner (1933 realisierten) Verfilmung von Jacques’ „Das Testament des Dr. Mabuse“ darlegt – und diesen mitten im Satz abbrechen zu lassen? Weil das Auslegen des vollständigen Briefs zu viel des Guten gewesen wäre?

Sicher, die „Die tiefere Sinnlosigkeit dieser Epoche“ überschriebene Vitrinenschau, die am Beispiel wichtiger Autorennachlässe des Archivs (Norbert Jacques, Gustav Regler und Oskar Wöhrle) deren künstlerische Prägung durch die Erfahrungen des Ersten Weltkrieges nachzeichnet, lohnt auch trotz solcher Nachlässigkeiten den Besuch. Dennoch drängen sich noch ein paar weitere, grundsätzliche Fragen auf – sofern man sich der Mühe unterzieht, die zwölf Vitrinen genauer zu studieren. Etwa die, weshalb ihre Macher (Archivleiter Singh und seine rechte Hand Hermann Gätje) die teils schlicht nicht entzifferbaren Handschriften nicht transkribiert haben. Genügt es, wenn der Besucher Andacht hält im Zeichen der Aura der archivalischen Originale?

Einen weiteren Einwand – dass entscheidende Bruchlinien in den Biografien der drei behandelten Autoren nicht plausibel werden – kontern ­Singh und Gätje mit dem Verweis auf die begrenzten Möglichkeiten einer kleinen Kabinettausstellung. So aber bleibt unklar, weshalb etwa der Elsässer Oskar Wöhrle (1890-1946), der nach 1918 den Ideen des Rätekommunismus anhing, keine 20 Jahre später dem Nationalsozialismus aufsaß. Oder weshalb die Rolle von Norbert Jacques (1880-1954), wie es in einem Begleittext heißt, „während des Nationalsozialismus kontrovers bewertet worden“ ist? Wie Wöhrle diente sich auch Jacques den Nazis an – wenn auch womöglich eher aus einer tiefen Schwäche für Deutschland denn aus politischer Überzeugung. Anders verhält es sich im Fall Reglers: Selbst wer mit dem Werk des saarländischen Schriftstellers Gustav Regler (1898-1963) nicht vertraut ist, dürfte anhand der kundigen Texterläuterungen zu den Regler-Vitrinen nachvollziehen können, wieso der sich 1936/37 am Spanischen Bürgerkrieg beteiligende, gebürtige Merziger später mit dem Kommunismus brach – Reglers große Lebenszäsur.

Ihren Anspruch, die biografischen Verzweigungen der drei Autoren nachzuzeichnen, mag die Schau unterm Strich somit nur in Teilen einlösen. Verdienstvoll ist sie dennoch. Nach den gleichfalls dem Ersten Weltkrieg gewidmeten Archiv-Ausstellungen „Jedermannskrieg“ (2014) und „Geworden in der Schlacht vor Verdun“ (2016) nunmehr thematisch ein drittes Archiv-Schaufenster zu öffnen, beweist Singhs und Gätjes langen konzeptionellen Atem.

Bis 17. November. Mo-Fr: 9 bis 21 Uhr, Sa: 10 bis 15 Uhr.