Größtes öffentliches Kunstwerk des Saarlandes

Museums-Eröffnung : „Meine Kunst beherrscht mich“

Michael Riedel ist der „Fassadenkünstler“ der Modernen Galerie – es dürfte das größte öffentliche Kunstwerk aller Zeiten im Saarland sein.

„Ist das Kunst oder kann das weg?“, lautet ein humoristischer Spruch, gemünzt auf die legendäre „Fettecke“ von Joseph Beuys in der Düsseldorfer Kunstakademie, die gewissenhafte Putzfrauen einst beseitigten. Rund 30 Jahre später, bei Michael Riedel (45), sollte der Satz umformuliert werden. Etwa so: Ist das Simulation von Kunst oder kann das weg? Der Reproduktions-Virtuose Riedel, dessen Werk man als ein um sich selbst kreisendes Recyclingsystem beschreiben, aber nur schwer verstehen kann, will nämlich nach eigener Aussage „Desinteresse an Originalität“ demonstrieren.

Der beim Aktionskünstler Hermann Nitsch am Frankfurter Städel „sozialisierte“ Riedel ist gerade sehr angesagt. Er hat einen New Yorker Galeristen, wird an Top-Adressen in Hamburg, Bregenz Paris oder Zürich gezeigt. Die diesjährige „Art Cologne“ beauftragte Riedel mit einer großflächigen Installation, in Leipzig erhielt er eine Professur für Malerei, 2018 hat er im Frankfurter Museum für Angewandte Kunst eine Einzelausstellung („Grafik als Ereignis“).

Hierzulande ist Riedel zwar noch nicht berühmt, doch er steht gewissermaßen schon im Guinness-Buch der Rekorde. Er hat nämlich das größte öffentliche Kunstwerk des Landes gestaltet, und nach ihm dürfte es kaum nochmal jemand in diese Dimension schaffen. Denn Riedel ist ein maßgeblicher Mitgestalter der „neuen“ Modernen Galerie in Saarbrücken, die am 18. November samt Erweiterungsbau wiedereröffnet wird. Riedels  3000 Quadratmeter großes Textbild wurde der Fassade des Neubaus und dem Umfeld aufgeprägt.

Zusätzlich hat Riedel dieser Tage einen ganzen Raum im Obergeschoss des Anbaus mit eigenen Arbeiten gestaltet. Man wolle den Menschen den Riedelschen „Kosmos“ näherbringen, dessen Grundprogrammatik und Grundideen, sagt die stellvertretende Museumsdirektorin Katrin Elvers-Svamberk. Das dürfte gar nicht so einfach sein. Riedels Kunst ist auf den ersten Blick spröde und verkopft, sie beschäftigt sich mit Weiter- und Wiederverwertung, mit Überraschung und Wiederholung und steht damit in guter alter Konzeptkunst-Tradition. Allerdings dekliniert Riedel das Thema am Beispiel von Kommunikationsprozessen durch: Er macht Rezensionstexte, Vernissage-Einladungs-Karten oder auch die Dokumentation von Jurysitzungen selbst wieder zu Kunstwerken, indem er sie in grafische Zeichen zerstückelt und neu zusammensetzt.

Bei einem Treffen in der Modernen Galerie beschreibt er das wie folgt: „Werkbeschreibung und Werk fallen zusammen in einer Paradoxschaft. Es ist wie ein Schneeball, der immer weiter läuft. Es ist ein Werk, das sich selbst weiterspielt in der Zeit. Ich stehe daneben und lasse mich begeistern. Es ist wichtig, dass das, was passiert, mich selbst überrascht. Ich beherrsche meine Kunst nicht. Meine Kunst beherrscht mich.“

Oft „tapeziert“ Riedel mit seinem typografischen Material Ausstellungsräume, in Saarbrücken jetzt auch. Etwa 140 Quadratmeter groß ist eines seiner Werke im Riedel-Raum, zusammengeklebt aus 19 Blättern einer Grafikmappe von 2016. Zu sehen ist eine grau flirrende Textur, ein irritierendes Muster, das keiner Regel folgt. Schwarze Flächen wurden dicht an dicht weiß bedruckt, mit Texten über Kunstmaterialien aus Internet-Shops, die er nun ihrerseits zu Kunstmaterial macht. Ganz schön tricky. Und vielleicht gar nicht immer bitterernst?

Zumindest verrät die Installation „After Show“, die Riedel für Saarbrücken neu eingerichtet hat, so was wie Selbstironie. Riedel hat sich Original-Ausstellungs-Regale einer Dürer-Schau des Städel-Museums besorgt und bestückt sie mit Riedelkunst-Devotionalien: Postkarten, Plakaten, Katalogen. Und die Originalbeschriftung aus dem Städel bringt Dürers „Gesellenreise“ ins Spiel. Folgerichtig und amüsant zugleich, dass dann Dürers berühmter „Hase“ bei Riedel als klotzig-ungelenke schwarze Leerstelle auf einem seiner Wand-Bildern auftaucht. Kunst als Kopier- und Gag-Factory?

Riedel, ein sehr schmaler Mann, der sehr leise und reflektiert spricht, möchte lieber weniger als mehr über sich und seine Kunst erzählen. Denn Kommunikation beinhalte immer auch Missverständnisse, meint er. Damit erklärt der Künstler auch den Umstand, dass er, der Kommunikations-Verwerter, in der öffentlichen Kontroverse, die seine Fassadengestaltung hierzulande auslöste, abgetaucht wirkte, sich nie offensiv zu Wort meldete. Riedel widerspricht: Er habe im Rahmen einer Projektvorstellung im Museum sehr wohl Rede und Antwort gestanden, bei der Bevölkerung habe er auch keine Proteste, sondern das Übliche erlebt: „Bei Projekten im öffentlichen Raum entstehen immer unterschiedliche Meinungen. Und das ist normal und ist auch gut.“

Tatsächlich kamen die Abwehrreflexe vordringlich von Politikerseite, als klar war, dass Riedel vorhatte, die Landtagsdebatte vom 9. April 2014 über den „Skandalbau“ Vierter Pavillon zum Textkleid zu machen. Er solle neu nachdenken, hieß es, der Kultusminister verteidigte die Freiheit des Künstlers, mutierte zum Krisenmanager. Und Riedel schwenkte dann wirklich um – und eben doch nicht. Denn aufgedruckt wurde letztlich doch der Text einer Landtagsdebatte über den Museumsbau, jedoch der einer späteren. Beliebigkeit? Riedel sagt, man könne einen Kommunikationsprozess nie in Gänze abbilden, denn auch das, was etwa Menschen zuhause darüber erzählten, gehöre dazu. „Es geht immer nur um einen Ausschnitt.“

Das größte öffentliche Kunstwerk des Saarlandes: Außenhaut und Museumsplatz an der Modernen Galerie. Sie wird, nachdem sie sechs Jahre lang mehr oder weniger nicht zugänglich war, am 18. November wieder eröffnet. Foto: Iris Maria Maurer

Zudem sei der Inhalt für das Schriftbild egal: „Mein Interesse liegt immer auf den Rahmen gebenden Elementen. Was sich in den Rahmen abspielt, ist im Endeffekt austauschbar. Von daher war es mir egal, welche Debatte man nimmt, so lange sie sich um das Gebäude dreht.“ Jeder in der Stadt kenne die Problemgeschichte des Gebäudes, meint Riedel. Der Rohbau sei gewissermaßen umstellt gewesen von der Auseinandersetzung über ihn: „Ich habe das aufgezeichnet, was eh schon in der Luft lag. Oder im Raum stand. Und jetzt steht es erst richtig im Raum.“ Beziehungsweise liegt es den Saarbückern zu Füßen.

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