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Geometrie und ihr Eigenleben

Geometrie und ihr Eigenleben

Das Museum St. Wendel zeigt eine Retrospektive mit Arbeiten des saarländischen Bildhauers Horst Linn, einem klassischen Vertreter der Konkreten Kunst.

Horst Linn ist nicht nur ein herausragender Bildender Künstler, sondern auch ein guter Jazz-Schlagzeuger. Wie viel Rhythmus dieser Mann im Blut hat, zeigen auch seine Plastiken: insbesondere die Kunst der 70er mit gefaltetem Metall, das mit akribischer Genauigkeit einem Rhythmus zu folgen scheint.

Der Bildhauer ist ein klassischer Vertreter der konkret-konstruktiven Kunst, die so wenig zeigt und dem Betrachter so viel abverlangt. Viele werden den Exponaten mit Schulterzucken gegenübertreten und sich fragen, was das soll. Doch wer sich auf die Kunst einlässt, merkt, wie spannend Linns Arbeiten sind. Gehirn und Auge werden genarrt, müssen auf die Suche gehen, entdecken mit jedem Standortwechsel im Altbekannten Neues. Die Geometrie entwickelt ein Eigenleben. Form und Farbe nehmen ein Spiel mit Licht und Schatten auf, aus den kalten Industrieprodukten aus Stahl und Aluminium wird ein lebendiger Stoff. Die St. Wendeler Ausstellung "Über-Blick" zeigt einen Querschnitt des Werks des 80-Jährigen. Sie ist wunderbar gelungen, auch wenn die frühe Werkgruppe mit den frei verformten Kupferblechreliefs fehlt. Dafür hat man einige schöne Arbeiten auf und aus Papier ergänzt.

Der Friedrichsthaler studierte an der Saarbrücker Werkkunstschule bei Oskar Holweck und Boris Kleint und gehörte zur goldenen Generation konkret-konstruktiver Künstler im Saarland um die "Neue Gruppe Saar". Ab 1976 war er Professor für Bildhauerei an der Fachhochschule in Dortmund, bis zu seiner Emeritierung 2001. Ende der 60er arbeitete Linn mit spiegelnden Flächen, die er knickte, bog und stauchte. Ende der 70er wandte er sich Winkelobjekten zu, in den 80ern arbeitete er mit Metallbändern und -platten. In den letzten 20 Jahren wird Farbe zunehmend wichtig. Die Wandobjekte wachsen stärker in den Raum, bilden Räume, die sich der Betrachter erarbeiten muss.

Bis 23. Oktober. Werkgespräch und Konzert am Sonntag, 15 Uhr. Außerdem stellt Petra Wilhelmy ihr Werkverzeichnis "Horst Linn - Relief 1961-2015" vor.