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Gary Numan legt neues Album "Intruder" vor

Das Album „Intruder“ von Gary Numan : Die Welt geht unter – aber mit guten Melodien

Die britische Popmusik hat allerlei bizarre Karrieren und bunte Vögel hervorgebracht – einer der buntesten, trotz meist schwarzer Garderobe, ist Electro-Veteran Gary Numan. Am Freitag erscheint ein neues Album, und eine ziemlich schonungslose Autobiografie hat er auch geschrieben.

Diese Karriere ist wie gemacht für einen Netflix-Mehrteiler: schneller Aufstieg. Rascher Absturz. Quälend langsames Wiederhochrappeln. Und dann doch noch ein Happy End, an das kaum jemand geglaubt hat. Am wenigsten wohl Gary Numan selbst. Der Londoner war einst, Ende der 1970er Jahre, eine musikalische Sensation – seine unterkühlten Electropop-Hits „Cars“ und „Are ‚friends‘ electric?“ machen den Synthesizer salon- und kommerzfähig. Numan legt in seiner Heimat drei Nummer-1-Alben in Folge vor, in denen es um Einsamkeit geht, um Entfremdung und Isolation.

Die Presse liebte es, ihn zu hassen

Numan trifft einen Nerv, und sein Händchen für Melodien schadet auch nicht. Die britische Presse allerdings hasst ihn mit Inbrunst – für sie ist er nur ein Bowie- und Kraftwerk-Klon, und seine damalige Faszination von Premierministerin Margaret Thatcher macht es ihm bei der traditionell linken Musikpresse zwischen „New Musical Express“ und „Melody Maker“ auch nicht leichter. Ein Magazin rät seiner Mutter sogar, sich sterilisieren zu lassen, um solch einen Sohn in Zukunft zu vermeiden. Die Nerven bei Numan werden zunehmend dünn, auch der Tournee-Stress wird ihm zu viel. 1981, da ist er gerade 23, nimmt er mit drei spektakulären Shows in London den ganz großen Abschied von der Bühne. Für immer. Doch Abschied nehmen damit auch viele Fans, und Numan tourt später doch wieder, um die angeschlagene Karriere wieder zu kitten. Die 1980er sind eine bizarre Zeit für Numan – und für den leidensfähigen Rest der Fans: Das eigene Plattenlabel Numa ist zügig bankrott, Plattenverkäufe sinken, Schulden steigen. Numan sucht das Heil in Ausflügen in radiofreundlichen Pop, kantigen Funkrock, er covert Prince und singt Balladen im Frack. Anfang der 1990er ist er am Ende: verschuldet, verzweifelt, vergessen.

Schulden und Haartransplantationen

Von dieser Zeit erzählt Numan mit brutaler Offenheit in seiner (englischsprachigen) Autobiografie „(R)Evolution“, in der er schon mit fast sadomasochistischer Detailfreude die kläglichen Chart-Positionen seiner Alben und die beträchtliche Höhe seiner Schulden protokolliert – um die 600 000 Pfund sind es zwischendurch. Von halbleeren Konzerthallen schreibt er, von schmerzhaften Haar-Transplantationen, auch von einem späten Facelifting („Es hat keinen großen Unterschied gemacht.“) Doch er erzählt auch, wie ihn damals sein liebstes Hobby mental durchhalten lässt, weil er zumindest dort erfolgreich ist: Kunstflug in einer betagten Maschine aus dem Zweiten Weltkrieg.

Neuanfang, als nichts mehr ging

Als er jede Hoffnung auf eine erfolgreiche Musikkarriere aufgegeben hat, macht er keine Kompromisse mehr und veröffentlich auf dem eigenen, amateurhaften Plattenlabel, was ihm wirklich gefällt – sehr düsteren Pop, mit Texten um Albträume und Atheismus, musikalisch begleitet von stampfenden Rhythmusmaschinen, sämigen Synthesizer-Klängen und Gitarrenbreitseiten. Nichts fürs Kommerzradio – aber viele alte Fans kommen zurück, und sogar Plattenfirmen interessieren sich wieder für ihn. Ein quälend langer Wiederaufstieg beginnt, mit einigen Rückschlägen – doch 2017 erreicht Numans Album „Savage“ mit Platz 2 in England seine höchste Notierung seit 35 Jahren. Als er das erfährt, schreibt Numan, damals fast 60, weint er wie ein Baby.

Der Nachfolger von „Savage“ erscheint nun an diesem Freitag. „Intruder“ heißt das Album mit elf Stücken, erneut in grobem Sinn ein Konzeptalbum. Beschäftigte sich „Savage“ mit einer verdorrten Welt nach dem Klimakollaps und einer zusammengebrochenen Gesellschaft, geht es in „Intruder“ um den Menschen als Eindringling, als Quälgeist von Mutter Erde – aus ihrer Sicht sind die Texte geschrieben, der Planet wird zur Person, ist bitter enttäuscht vom Eindringling Mensch, den er einst wie ein Kind liebte. Nun hofft er, dass der Mensch ausstirbt. Dem Thema gewinnt Numan nicht allzu viele verschiedene Aspekte ab, textlich bleibt es auf seinem Routine-Standard: „lost“ ist nach wie vor eines seiner Lieblingsworte, gefolgt hier von „tears“, „pain“, „dying“ – und „dark“ sowieso, Numan kann es meist nicht dunkel genug sein. Textlich reißt das Album mit Öko-Touch da keine, um im Bild zu bleiben, Bäume aus.

Mehr Variation, mehr Farben

Musikalisch aber ist „Intruder“ weit origineller – durchaus im Stil der jüngsten Vorgängeralben, aber abwechslungsreicher, mit mehr Variationen, Farben und Zwischentönen. Numans Faible für orientalisch anmutende Melodien ist noch stärker in den Vordergrund gerückt, zudem spielt bei einigen Stücken der türkische Musiker Görkem Sen sein Streich- und Zupfinstrument Yaybahar - ein schöner organischer Kontrast zu den tuckernden Rhythmen aus dem Rechner und den Keyboard-Klängen. Numan und sein Produzent Ade Fenton verbinden Streichersamples mit atmosphärischem Dröhnen und Kratzen (im Auftakt „Betrayed“), Rammstein-artige Donnergitarren (Steve Harris) mit fast hoppelnden Rhythmen („Saints & Liars“), und immer wieder Keyboard-Wucht mit ätherischen Frauenstimmen: Numans Töchter Raven und Persia. Wenn er mit ihnen die Ballade „Now and forever“ singt (er hatte schon mal originellere Songtitel), dann wird daraus ein großes familiäres Liebeslied, das für Numans Verhältnisse sogar sehr sentimental ausfällt – und seine Texte bleiben recht vage, so dass das Erde-Thema ebenso plausibel ist wie das eines späten Vaters (wie Numan), dem klar ist, dass er nicht immer bei seinen Kindern sein wird.

Verschlungene Melodien

Einige Abwechslung gibt es hier zwischen sehr kargen Piano-Passagen,  Electro-Gewittern und durchweg starken Melodien; Numan wagt sich vokal etwas weiter vor als üblich in den vergangenen Jahren. Auch nach eigener Auffassung weniger ein guter Sänger denn ein Sänger mit charakteristischer Stimme, singt er sich durch einige unerwartet verschlungene Melodien. Etwa in der Ballade „And it breaks me again“, die sich nach einer klagenden Strophe zu einem epischen Ohrwurm-Refrain aufschwingt - eine von vielen Perlen dieses gelungenen Albums, dessen Finale eines seiner Höhepunkte ist: „The end of dragons“ eine dramatische Ballade, in der sich die Welt betrachtet und darüber nachsinnt, wie es war, als noch Menschen auf ihr lebten.

 Das neue Album.
Das neue Album. Foto: Chris Corner

Gary Numan: Intruder. (BMG).
Autobiografie „(R)Evolution“: Erhältlich bei Numans Store
Online-Konzert am 17. Juni. Tickets für 19 Euro.