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Garten und gutes Essen wird zum Thema in der Großregion

Großprojekt für die Großregion : IBA-Paradiesgärtchen statt Beton-Vorhaben

Das Projekt einer „Internationalen Bauausstellung“ (IBA) in der Großregion Saar-Lor-Lux nimmt nicht trotz, sondern wegen der Corona-Pandemie politisch Fahrt auf.

Das IBA-Werkstattlabor im Saarbrücker HTW-Hochhaus hat jetzt etwas ganz Handfestes, es hat einen Werkstattgarten vor der Bürotür. Angeblich ist eine Internationale Bauausstellung (IBA) in ihrer Vorbereitungs- und Prüf-Phase, in der sogenannten Prä-IBA-Phase, etwas Ab­strakt-Verkopftes. Doch das vierköpfige Prä-IBA-Team, das im Auftrag der saarländischen CDU/SPD-Landesregierung bis Ende Oktober eine Machbarkeitsstudie für eine IBA der Großregion (IBA GR) erstellt, packte sich in den vergangenen Corona-Monaten öfter mal die Schippe unter den Arm. Man zog vor die Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW), um im frisch angelegten Beet Tomaten und Erdbeeren zu pflanzen. Eine Frage der Glaubwürdigkeit, meint Werkstattleiter und HTW-Professor Stefan Ochs. Denn das „Narrativ“ der IBA GR steht fest: der Garten. Klingt bukolisch, hat aber viel mit der „besten Klimaregion“ zu tun, die die Großregion werden soll, wenn es denn zur IBA GR kommt. Frühestens ab 2023 – den Starttermin hält man im Ochs-Team flexibel.

Gearbeitet wurde bisher unter dem Leitspruch: „(mais) il faut cultiver notre jardin/Wir müssen unseren Garten bestellen“. Es ist dies der berühmte Schluss-Satz aus Voltaires „Candide“ (1759), der im übertragenen Sinn bedeutet: Lasst das Philosophieren und kümmert euch um eure unmittelbare Umgebung. Ende 2019 nahm das Prä-IBA-Team, das neben Ochs aus den Architektinnen Paulina Knobe, Fabienne Grund und Alexandra Tishchenko besteht, die Recherche- und Vernetzungs-Arbeit auf. Im März 2020 bekam das Team beim ersten Workshop mit auswärtigen Experten eine „klare Empfehlung“, so Paulina Knobe. Die Gäste seien auf die Metapher, das Saarland sei ein „Gärdsche“, angesprungen. Und was ist dann bitte die Großregion? Eine gigantische Plantage? Sie umfasst das Saarland, Rheinland-Pfalz, Luxemburg, Lothringen und die Wallonie (Belgien), belegt 65 000 Quadratkilometer, hat  zwölf Millionen Einwohner und 5000 Kommunen. Dieses Gebilde ist laut Ochs rein geographisch viel zu groß, um es, wie bei allen IBAs zuvor, einem einzigen IBA-Büro als Projektgebiet aufzubürden. Fazit? „Wir setzen auf kleine IBAs, mit denen sich die Menschen identifizieren können“, so Knobe. Die Großregion sieht Ochs just an ihren vernachlässigten, länderübergreifenden Rändern als „Nährboden für viele weitere Paradiesgärtchen“. Letztere sollen nicht irgendwo, sondern in fünf Grenzräumen der Großregion entstehen. Was bedeutet, dass sich das Garten-Narrativ um das der Grenze erweitert. Just die Corona-Krise hat in diesem Kontext Fragen eine praktische Dringlichkeit zugewiesen, die vorher kaum Relevanz hatten, etwa: Wie klappt die Lebensmittel-Versorgung in der Großregion, wenn Grenzen schließen? Wie lässt sich auch im nicht-ländlichen Raum, in womöglich abgeriegelten Städten, die Versorgung sicherstellen? Das gute, ökologisch gut erzeugte Essen, hält das Ochs-Team für ein stark verbindendes Zukunfts-Thema. Man recherchierte über Urban Gardening und Future Food, über neuartige Lebensmittel-Produktion samt neuartiger Transport-Systeme. Dafür braucht es, wie in Schanghai oder in Rotterdam, auch neue architektonische Lösungen. Was alle Architekten und Bürgermeister freuen dürfte, die eine IBA immer noch ausschließlich mit der Realisierung besonders ambitionierter Bauvorhaben gleichsetzen.

Freilich steht und fällt alles mit einer effektiven Verwaltungsstruktur, die für eine derart kleinteilige, zugleich transnationale IBA erstmals erfunden werden muss. Auch dafür hat das Team schon Ideen parat. Gedacht ist an eine aus allen Regionen und Ländern personell bestückte „Kompetenz-Plattform“, angebunden an das Gipfelsekretariat, die für alle Einzel-IBAs Expertise bereitstellt und Kriterien definiert. Fünf Jahre lang soll es diese Dachorganisation als Lokomotive für die kleineren IBAs geben – eine Pionier-Organisations-Einheit für zukünftige transnationale Vorhaben in Europa. Idealerweise wäre bereits 2022 der Start. Ochs sieht die Plattform als „Best-Practice-Modell für Europa“ und hält deshalb eine Basis-Finanzierung von 60 Prozent über Interreg-Mittel der EU für realistisch. Schon seit zehn Jahren trägt Ochs die IBA-Idee durch die Flure der Ministerien, nun hält er sie erstmals für durchsetzbar: „Ich habe noch nie so viele positive Rückmeldungen aus der Politik bekommen wie jetzt.“ Die AfD-Fraktion hat sich bereits für eine IBA GR ausgesprochen, heute besuchen der Europa-Landtags-Ausschuss und Mitglieder des Interregionalen Parlamentarierrates das Werkstatt-Labor in der HTW. Neben Ministerpräsident Tobias Hans (CDU) ist der Staatssekretär für Europa Roland Theis (CDU) einer der Haupt-IBA-Unterstützer in der Regierung. Theis sagt der SZ: „Corona hat gezeigt, wie verwoben die Region ist und wie hinderlich Grenzen zur Bewältigung der Krise sind. Die IBA kann aufzeigen, wie wir die Infrastruktur der Großregion langfristig aufstellen könnten.“ Wenn man Entscheidern in Paris, Berlin und Brüssel vermitteln könne „So viel Mut hatte noch keiner“, dann klappe es auch mit der Finanzierung. Vorrangig sei zunächst die Sicherung der Kompetenz-Plattform. Über deren Kosten möchte Theis noch nichts bekannt geben. Er sagt: „Der Gedanke der Kompetenz-Plattform, die direkt beim Gipfelsekretariat angehängt ist, hat mehr als Charme, wir brauchen ein solches Instrument, damit aus dem Vernetzungswillen in der Großregion konkrete Projekte werden.“

Welche, das definiert nicht das Prä-IBA-Team, sondern später die Einzel-IBAs. Wer mitmachen will als Kommune, muss sich bewerben. Trotzdem denkt Ochs gerne jetzt schon mal inhaltlich vor. Und es macht Spaß zuzuhören. Über „staatenfreie Räume“, befreit von nationalen Verwaltungs-Regularien und Gesetzen, etwa Co-Working-Spaces für Grenzgänger, die auch dann funktionieren würden, wenn in Pandemie-Zeiten die Grenzen wieder dicht gemacht würden. Was freilich undenkbar wäre, gäbe es eine durch die IBA GR bereits institutionell erprobte neue Kultur des Austauschs.