Frischer Frisch

Max Frischs „Andorra" wird vom muffigen Schullektüre-Nimbus befreit und nicht zwanghaft aktualisiert, was sich allzu offensichtlich angeboten hätte. Markus Heinzelmanns Inszenierung im Staatstheater überzeugt mit intensivem Spiel, viel Gefühl und einem technisch ausgeklügelten, atmosphärischen Bühnenbild.

Nur am Ende, da dringt das Heute in den Text, wenn Andorras Amtsarzt mit Alexander-Gauland-Rhetorik von Menschen spricht, "die man nicht als Nachbar haben will", oder davon, dass "es sich jetzt ausintegriert hat mit der Integration". Ansonsten hält Regisseur Markus Heinzelmann Distanz zur Tageslage; denn Max Frischs Stück bleibt auch ohne pflichtschuldige Aktualisierung relevant, behandelt es doch die hässlichen Konstanten des Menschen: die Angst vor dem Anderen, den Hang zur Gewalt.

1961 uraufgeführt, besitzt "Andorra" mittlerweile Schullektüre-Status: ein Konsens-Klassiker, parabelhaft, auf dass die Botschaft klar und deutlich werde. Ein Stück, von dem der Staub vieler Deutschstunden herunter gepustet werden muss - etwa mit einer lebendigen Inszenierung wie in Saarbrücken, in der sich das Persönliche und das Politische die Waage halten. Natürlich geht es um Rassismus und Antisemitismus, aber auch um Selbstbetrug, Lebenslügen und eine Liebe, die kaum tragischer scheitern könnte.

Ein Lehrer zieht im Klein staat Andorra seinen jüdischen Pflegesohn Andri auf, den er aus dem Nachbarland der faschistischen "Schwarzen" gerettet hat - so zumindest erzählt er es. In Andorra begegnet Andri Antisemitismus und Vorurteilen, wie "der Jud" eben zu sein hat. Und so, wie die Gesellschaft ihm klar macht, dass er nicht dazu gehört, so wird ihm klar, dass er nicht dazu gehören will. Zurück bleibt Hass. "Hass macht listig. Hass macht stolz."

Das Bühnen-Andorra haben Nicole Hoesli und Matthias Huser als vielschichtige Kulisse angelegt. Während Darsteller im Vordergrund agieren, filmt Kameramann Grigory Shklyar andere Figuren in Kulissen, die vom Theaterparkett aus erst mal nicht einzusehen sind, nur via Leinwand. Die Wirkung ist eine enorme atmosphärische Verdichtung, eine Gleichzeitigkeit; in Andorra scheint man fast aufeinanderzusitzen. Man wartet im Esszimmer, in der Kneipe mit dem US-Diner-Anticharme - aber worauf? Auf die Invasion durch die "Schwarzen"? Oder darauf, dass mal was geschieht? Nur Andri und Barblin, Tochter seines Pflegevaters, haben ihre Liebe und Pläne. Die anderen sind gestrandet, gescheitert. In ihrem Frust sind Vorurteile gegen andere ein verbindender, zeitloser Sozialkitt.

Dieser Ort, der überall sein könnte, lässt gruseln. Thomas Schmidt lädt seinen Amtsarzt, einen akademischen Maulhelden, mit kleinen Ticks auf, er ist lächerlich und bedrohlich gleichermaßen. Ali Berber gibt den Soldaten als Alpha-Rüden mit Hormonstau und Todesangst, die er auch mit markigen Sätzen über Kampf und Befehle nicht überbrüllen kann. Roman Koniecznys Tischlergeselle ist von listiger Bosheit; Marcel Bauschs Pater deklamiert seine Religionsweisheiten so aufdringlich, als müsse er sich erst einmal selbst überzeugen. Gabriela Krestan und Christiane Motter spielen zwei zutiefst tragische Frauen - die eine wird ein Leben lang von ihrem Gatten, Andris Vater, getäuscht, die andere von ihm aus seinem Leben ausgeschlossen. Diesen Vater spielt Klaus Meininger als Mann der hohen Ansprüche und der schmerzhaften Erkenntnis, dass er diesen nicht genügt.

Der Inszenierung gelingen viele eindrückliche Momente, etwa wenn mehrere kleine Szenen in allen Ecken der sich drehenden Bühne gleichzeitig gespielt werden - das hat enorme Kraft. Nur im letzten Viertel täte Straffung gut, wirkt die letzte Szene zwischen Andri und Barblin, erst Liebende, jetzt Bruder und Schwester, ausgewalzt und übersexualisiert. Aber Cino Djavid und Yevgenia Korolov tragen das mit intensivem Spiel - als junge Menschen, von deren Träumen die Realität nichts mehr übrig lässt. Am Ende, da wäscht und weißelt die übrig gebliebene Barblin die Szenerie im Wahn und legt sich in der Winterkälte zum Sterben hin - zumindest da ist Andorra buchstäblich so "schneeweiß", wie es sich der Pater gewünscht hat.

Wieder am 24. und 27. September.; 7., 12., 14., 16., 19. und 28. Oktober; 9. und 18. November; 20.Dezember.


Zerrissenheit am Ausziehtisch

East Side Story: Eugen Ruges "In Zeiten des abnehmenden Lichts" in der Alten Feuerwache

Was schon Eugen Ruges eigene Dramenfassung seines Romans nahelegt, weitet Christopher Haningers Saarbrücker Regiearbeit aus: DDR-Zeitkolorit tritt zugunsten der komödiantisch aufgeladenen Familiengeschichte zurück. Den durchwachsenen Abend trägt vor allem die großartig aufspielende Nina Schopka.

Wer Eugen Ruges glänzenden Roman gelesen hat, für den beginnt der Feuerwache-Abend bereits mit einer Hypothek. Wie lässt sich dieser Roman, der die bereits mit ihrer Gründung einsetzende DDR-Zerfallsgeschichte anhand einer vier Generationen überspannenden Familienhistorie symbolisiert, ohne gravierende Verluste auf die Bühne zu bringen? Kann das gelingen? Nein. Dass Ruge selbst die Theaterfassung erstellt hat, 2013 in Berlin uraufgeführt und nun am vergangenen Freitag die neue Saarbrücker Spielzeit einläutend, ändert daran nichts. Weshalb das paradoxe Premieren-Fazit lautet: Je weniger man diesen deutsch-deutschen Stoff kennt, umso besser für den Abend.

Denn als familiäre Tragikomödie funktioniert "In Zeiten des abnehmenden Lichts" in der Feuerwache ziemlich gut, büßt jedoch die gesellschaftspolitische Dimension weitgehend ein, die Ruges Roman so kunstvoll intendiert. Regisseur Christopher Haninger hat die ohnehin zeithistorisch ausgedünnte Stückfassung weiter entpolitisiert (und etwa Anspielungen auf Biermann oder China eliminiert). Auch das spartanische Bühnenbild Gregor Wickerts zitiert keinerlei DDR-Kulissen herbei. Regie und Ausstattung setzen den Fokus ganz auf die zerbröselnden Familienstrukturen. Der slapstickhaft auf der Bühne einstürzende Ausziehtisch dient dabei als Leitmotiv: kein Halt, nirgends. Erzählt Ruges Rumpfstück doch, ohne den Überbau aus Proletariatsverklärung, ZK-Lenkung, DDR-Mangelwirtschaft und Ost-West-Antagonismen völlig aus den Augen zu verlieren, in erster Linie eine 50-jährige Desillusionierungsstory. Kulminierend in der noch vor dem Mauerfall nach Gießen rübermachenden Figur Alexanders. Enkel der unter den Nazis nach Mexiko emigrierten, in den 50ern in die DDR zurückbeorderten treuen Parteisoldaten Charlotte und Wilhelm (zu eindimensional angelegt von Saskia Petzold und Christian Higer), ist er nicht in die väterlichen Fußstapfen des nur dezent unbotmäßigen DDR-Historikers und Muttersöhnchens Kurt Umnitzer getreten (vielschichtig, nuanciert: Klaus Müller-Beck). Sein Geschichtsstudium wird Alexander nie beenden, da er sich "nicht um mein Leben belügen will". Und auch bei zwei Frauen (sich von Melitta zu Catrin steigernd: Vanessa Czapla) keinen Halt finden. 2001 wird er, mit des dementen Vaters gestohlener Barschaft, nach Mexiko reisen, um dort vergeblich seine Wurzeln zu suchen.

Alleine, der (nur für den Roman wesentliche) Mexiko-Strang, der als Stückgegenwart beständig im Wechsel gegen DDR-Alltagsszenen aus vier Dekaden gesetzt wird, wirkt in Stück wie Inszenierung als Fremdkörper. Zwar soll er die Zerrissenheit Alexanders verdeutlichen, doch bleibt davon unter Georg Mitterstielers blassem, zu gedämpftem Spiel nur ein papierenes Deklamieren, eine touristische Beschreibungssuada. So verschiebt sich das Gravitationzentrum früh und nachdrücklich auf eine Nebenfigur: Irina, Alexanders Mutter. Nina Schopka verleiht ihr eine bis in die Haarspitzen ihrer hochtoupierten Frisur reichende, raumgreifende Bühnengewalt von Fassbinder'schem Format. Schopka, deren mit russischem Akzent eingefärbte Monologe und mimisch-gestische Perfektion uns dramaturgisch um den Finger wickeln, macht aus Irina eine mal laszive, mal entnervte Kommentatorin des Umnitzer-Unglücks. Einzig Robert Prinzler als Alexanders autistisch verpuppter Sohn, dessen aufgestauten Lebensdrang Prinzler gewehrsalvenhaft herausschreit, reicht in zwei furiosen Kurzauftritten der überragenden Schopka das Wasser.

Trotz gewisser Längen nach der Pause hat Haningers Regie da ihr Thema lange gefunden - die situationskomische Bloßstellung der real existierenden Verhältnisse. Gertrud Kohl (als Irinas Mutter, die innerlich in Russland lebt) und Heiner Take (in mehreren, hinreißend verwandlungslüsternen Auftritten, darunter als Hausmädchen) unterfüttern dabei das komödiantische Potenzial eines mit Blick auf das Ensemble bemerkenswert zwiespältigen Abends.

Mutter & Sohn: Nina Schopka & Georg Mitterstieler. Foto: Hickmann. Foto: Hickmann

Nächste Vorstellungen am 2., 4., 12., 14., 15., 20., 21. Oktober.