Frisch gestrichen

An zehn Tagen steht die Stadt Colmar ganz im Zeichen der Geige: Das 28. internationale Musikfestival der Stadt widmet sich dem Andenken an den Geiger Jascha Heifetz (1900-1987) und läuft noch bis Donnerstag.

"Ich rate Ihnen dringend, jeden Abend, bevor Sie mit solch übermenschlicher Vollkommenheit spielen, ein paar falsche Töne zu spielen, statt zu beten. Kein Sterblicher sollte es wagen, so makellos zu spielen", schrieb George Bernard Shaw an Jascha Heifetz. Das 28. internationale Musikfestival Colmar widmet sich in diesem Jahr dem 1900 in Vilnius/Litauen geborenen, 1987 in Los Angeles gestorbenen Wundergeiger. Es präsentiert an seinen zehn Festivaltagen noch bis Donnerstag knapp 20 Geigerinnen und Geiger mit Violinkonzerten und Kammermusik. Auch Wladimir Spiwakow, der seit 1989 das beliebte Festival in der Colmarer Altstadt leitet und an sechs Abenden die Russische Nationalphilharmonie dirigiert, greift für Karl Amadeus Hartmanns "Concerto funebre" und Mozarts D-Dur-Konzert selbst zur Violine (heute, 21 Uhr).

Ein großes Geigentalent ist die Moldawierin Alexandra Conunova, die an einem Abend in der Kirche St. Matthieu gleich drei Solowerke für Violine und Orchester interpretiert hat. Henryk Wieniawskis zweites Violinkonzert, das Heifetz als erste Aufnahme überhaupt Mitte der 1930er Jahre einspielte, ist mit Höchstschwierigkeiten gespickt. Conunova ließ sich auch von den vertracktesten Doppelgriffen und rasantesten Läufen nicht beeindrucken. Nur ihr schnelles Vibrato wurde auf Dauer zu eintönig. Auch bei Ernest Chaussons "Pòeme" setzte Conunova auf kräftige Farben und einen dicken Pinsel, ehe sie das Publikum mit einer vollendeten, ganz frei gespielten Interpretation von Maurice Ravels gefürchteter Rhapsodie "Tzigane" beschenkte.

Kammermusik ist in Colmar fester Bestandteil des Programms - auch in den Konzerten am frühen Abend in der Barockkirche St. Pierre. Mit Vadim Gluzmans Stradivari, die einst Leopold Auer spielte, ist sogar die Violine von Heifetz‘ St. Petersburger Lehrer zu hören. Mehr als eine solide Interpretation gelang dem russischen Ensemble um den israelischen Primarius Gluzman bei Mozarts Streichquintett in g-Moll KV 516 nicht. Tschaikowskys Streichsextett "Souvenir de Florence" gelang aufregender. Das Ensemble entwickelte einen orchestralen Klang, der auch mal zum Elfentanz werden konnte wie im Mittelteil des "Adagio cantabile".

Mit dem Trio Atanassov verzauberte ein ganz junges französisches Ensemble im Mittagskonzert das Publikum im Koifhus. Hier stand auch Mozart (Klaviertrio in B-Dur KV 502) auf dem Programm - aber wie subtiler war hier der Zugang, wie differenzierter die Tongebung. Franz Schuberts g-Moll Klaviertrio verließ trotz der Dramatik nie den gesanglichen Tonfall. Vollendet im Zusammenspiel, hinhörend, ausgleichend und dabei tief schürfend - das Trio Atanassov setzte beim Konzert Maßstäbe.

Felix Mendelssohns Violinkonzert in e-Moll war das Konzert, mit dem Jascha Heifetz im Alter von sieben Jahren erstmals öffentlich auftrat. Wenn sich nun in Colmar der hochmusikalische Renaud Capuçon dem vielgespielten Werk in der St-Mattieu-Kirche widmete, so war das auch eine der Spuren, die im Festivalprogramm zu dem jüdischen Geiger führen. Capuçon ging bei den vielen Sprüngen volles Risiko. Je höher er auf dem Griffbrett seiner Violine stieg, desto inniger, leuchtender wurde sein Ton wie im berührenden Andante. Das Tempo im Finale nahm er fast so schnell wie Heifetz, ohne dabei an Differenzierungskunst einzubüßen. Ein großer, umjubelter Auftritt.

Termine: William Hagen (Geige) und Lilit Grigoryan (Klavier), heute 18.15 Uhr. Russische Nationalphilharmonie unter Mikhail Gerts, heute 21 Uhr. Hermes Quartett, morgen 12.30 Uhr. Russische Nationalphilharmonie unter Wladimir Spiwakow, morgen 21 Uhr und am Donnerstag um 17 Uhr.

Info: www.festival-colmar.com