Neues Album und Konzert in Saarbrücken: „Fresse halten ist keine Schwäche“

Neues Album und Konzert in Saarbrücken : „Fresse halten ist keine Schwäche“

Pop und Politik: Die Hamburger Band Kettcar bezieht auf ihrem fünften Album „Ich vs. Wir“ deutlich Stellung zu aktuellen Entwicklungen. Mitte Januar kommt die Band nach Saarbrücken.

Selbstoptimierung oder Zwangskollektivierung? Einzelkrieger oder Solidargemeinschaft? An sich denken, an alle denken? Ja, was denn nun? Und wie wird aus dem Ich ein Wir? Die Situation ist kompliziert. Doch Kettcar lassen uns nicht allein damit. Sie liefern eine Beschreibung des Problems. Für den Rest fühlen sie sich nicht zuständig.

Das macht die Hamburger Band grundsätzlich sympathisch: Denn einfache Antworten auf schwierige Fragen zu finden, ist keine besonders überzeugende Leistung, selbst dann nicht, wenn das Geschäftsfeld „nur“ die Popmusik ist. Ihr neuer Song „Wagenburg“ gibt den Weg vor, den das neue Album „Ich vs. Wir“ konsequent beschreitet. Es enthält Erkundungen im Spannungsfeld von Individuum und Gemeinschaft, von Bürger und Gesellschaft, von persönlichem Wollen und staatlichem Sollen, von kleinem Glück und großen Träumen, von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit, aber auch von allgemeinen Regeln und Werten, von subjektiven Wahrnehmungen und objektiven Wahrheiten.

15 Jahre nach ihrem Debüt „Du und wieviel von deinen Freunden“ und fünf Jahre nach ihrem vorigen Album „Zwischen den Runden“ preschen Kettcar noch einmal nach vorn mit durchaus klaren Aussagen und klarer Haltung zu aktuellen Entwicklungen. Sie stellen sich, sie äußern sich, sie wehren sich. Ihre Emo-Songs verringern spürbar die Dosis an schwiemeligen Gefühlen und schwurbeligen Gedanken, die ihren Befindlichkeitspop bis dato so schwer erträglich machten.

Sänger und Songwriter Marcus Wiebusch, Jahrgang 1968, muss sich seiner Punk-Vergangenheit bei der Band ... But Alive und Rantanplan erinnert haben – und daran, wie Songs knackig auf den Punkt zu bringen sind, ohne sie an dumpfe Parolen zu verraten.

Einige der elf neuen Stücke verarbeiten deshalb relevante Themen in tiefgründigen, kraftvollen Texten, die konkret sind im Beschreiben wie im Kommentieren. Die fünfminütige Single „Sommer ‚89 (Er schnitt Löcher in den Zaun)“ erzählt hauptsächlich im Sprechgesang die Fluchtgeschichte eines jungen Hamburgers und einiger Noch-DDR-Sachsen, die aus der Vergangenheit direkt in die Gegenwart verweist. Die (sich wiederholende) Geschichte wird zum Politikum, das dazugehörige Video zum Dokudrama. Die Message: Auf Verzweiflung folgt Hoffnung, weil ein Mensch anderen Menschen die Hand reicht – fern von Ich- oder Wir-Kategorien, privatistischem oder nationalistischem Denken.

„Mannschaftsaufstellung“ beschreibt das Phänomen taktisch klug vom Volkssport Fußball her mit Floskeln spielend wie Mauer bilden, Räume dicht machen, „alles Fremde ins Abseits“ stellen, die „schweigende Mehrheit als der 12. Mann“. Solch einem Deutschland wollen Wiebusch und Kettcar nicht zujubeln. Sie haben generell keine Scheu vor eindeutigen Positionen wie: „Wenn du das Radio ausmachst, wird die Scheißmusik auch nicht besser“ („Trostbrücke Süd“). Weghören ist nicht mehr – und wegducken können sich andere, Wiebusch erkennt erst: „Ich bin Teil des Systems“ (in der nach und nach vehementer werdenden Ballade „Das Gegenteil der Angst“) und weiß auch: „Einfach mal die Fresse halten ist keine Schwäche“ (im letzten Song „Den Revolver entsichern“). Schnelle Lösungen auf drängende Probleme sind bei ihm eben nicht im Angebot.

Der Rhythmus ist einfach, das Tempo hoch und die gitarrenpoppige Musik laut und lärmig, dicht und kompakt gehalten. Für diesbezügliche Innovationen und Variationen blieb da wohl keine Zeit mehr. Prinzip: Inhalt first, Verpackung second. Weil der hymnische, zum Pathos neigende Ton sich in den Dienst des Humanismus stellt, sehen wir hier von einer Rüge ab. Denn in der Summe ist „Ich vs. Wir“ ein leidenschaftliches, den Mut und die Wut bündelndes Album, das Musiker als Künstler präsentiert, die Pop und Politik in diesen Zeiten nicht trennen wollen. Dabei umkurvt die Band als deutlich mahnende deutschsprachige Stimme viele der Hindernisse, die sich in so einem Falle auftun. Wenn andere Bands nach all den Jahren nur satt und müde um sich selbst kreiseln, starten Kettcar erst richtig durch. Besser spät als gar nicht.

kul-kettcar2. Foto: Grand Hotel van Cleef

Kettcar: Ich vs. Wir (Grand Hotel van Cleef/Indigo). Konzert: 18. 1., Garage (Sb).

Mehr von Saarbrücker Zeitung