Freiheit durch Perspektivwechsel

Freiheit durch Perspektivwechsel

Carolin Emcke, die gestern den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels in der Frankfurter Paulskirche erhielt, rechnet in ihrer Rede mit neo-nationalistischen Dogmatikern ab und fordert mutiges Handeln gegen den zunehmenden Hass.

Ganz glauben mag es Carolin Emcke immer noch nicht, als sie am Sonntag auf dem Podium der Frankfurter Paulskirche steht. An der Stelle, wo neben Martin Buber oder Nelly Sachs die für Emckes Leben noch wichtigere US-Intellektuelle Susan Sontag oder der Philosoph Jürgen Habermas den renommierten Friedenspreis des Deutschen Buchhandels schon entgegengenommen haben. "Wow, so sieht es also aus dieser Perspektive aus", sind ihre ersten Worte. Der salopp-ironische Einstieg der 49-Jährigen ist programmatisch für die gesamte Dankesrede der Publizistin und Philosophin, die einst bei Habermas in Frankfurt studiert hat. Die heute in Berlin lebende Emcke verwebt Persönliches, wie ihre eigene Homosexualität, mit dem großen Ganzen. Dem immer stärker werdenden Hass in der Gesellschaft und der Ausgrenzung von Minderheiten setzt sie Aufklärung und Humanismus entgegen - und eben einen Wechsel der Perspektive.

Deshalb wirbt sie um "die Bereitschaft, die Blickrichtung zu ändern". Denn es geht ihr um die Vielfalt der Lebensentwürfe in der globalen Welt: In der Sexualität, in der Religion und bei der Herkunft der Menschen. "Wir werden in Kollektive verpackt, alle lebendigen, zarten, widersprüchlichen Zugehörigkeiten (werden) verschlichtet und verdumpft", wirft sie den Populisten und Fanatikern vor, die vom "homogenen" Volk oder der "wahren" Religion sprechen. "Sie hassen und verletzen nicht unbedingt selbst - sie lassen hassen.

" Emcke beklagt ein "Klima des Fanatismus und der Gewalt in Europa." Und stellt fest: "In Wahrheit geht es gar nicht um Muslime oder Geflüchtete oder Frauen. Sie wollen alle einschüchtern, die sich einsetzen für die Freiheit des einzigartigen, abweichenden Individuellen. Deswegen müssen sich auch alle angesprochen fühlen." Emckes Rede ist ein Plädoyer für eine liberale, offene und säkulare Gesellschaft - eine Gesellschaft, die bunt ist. "Verschiedenheit ist kein Grund für Ausgrenzung. Ähnlichkeit keine Voraussetzung für Grundrechte." Und die Menschenrechte seien voraussetzungslos. Sie könnten und müssten nicht verdient werden. "Es gibt keine Bedingungen, die erfüllt sein müssen, damit jemand als Mensch anerkannt und geschützt wird."

Als Kriegsreporterin hat Emcke auf ihren Reisen erfahren, was Flucht und individuelles Leid bedeuten. Sie verweist darauf, dass auch die Familie ihrer Mutter vor dem Krieg nach Argentinien ausgewandert ist. Zugleich versucht sie, Handlungsanleitungen zu geben, wie jeder mit Zivilcourage gegen Hass und Verachtung vorgehen kann. Versierte Journalistin, die sie ist, findet sie dafür auch griffige Sätze: "Freiheit ist nichts, das man besitzt, sondern etwas, das man tut." Doch was kann der Einzelne jenseits solcher Formeln denn wirklich tun? Emcke räumt in ihrer Rede ein, dass die ganze Zivilgesellschaft gefordert ist. "Wir brauchen Bilder und Vorbilder auf den Ämtern und Behörden."

Das Publikum in der Paulskirche feiert Emckes philosophisch angelegte Rede am Ende mit viel Applaus. Unter den 1000 Gästen ist ein sichtlich beeindruckter Bundespräsident Joachim Gauck. Auch Emckes früherer Mentor, der inzwischen in Starnberg lebende Habermas, ist zur Verleihung des renommierten Preises an seine einstige Schülerin gekommen.

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