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Fliegender Finne landet am Pult der DRP

Deutschen Radio Philharmonie : Fliegender Finne landet am Pult der DRP

Jung, aber schon extrem gefragt: Pietari Inkinen wird von nächster Saison an Nachfolger von Karel Mark Chichon bei der Deutschen Radio Philharmonie. Eine Top-Verpflichtung: Der 36-jährige Finne, auch ein exzellenter Geiger, hat derzeit bereits drei Chefposten inne.

Kaum war er gestern da, musste er auch schon wieder weg, zurück nach Prag: Pietari Inkinen, der künftige Chef der Deutschen Radio Philharmonie Saarbrücken Kaiserslautern (DRP). Eines ändert sich also schon mal nicht, wenn der 36-jährige finnische Dirigent und Geiger, der beim großen russischen Meistergeigermacher Zakhar Bron in Köln studiert hat, nächste Saison in Karel Mark Chichons nicht kleine Fußstapfen tritt: Auch der Neue sammelt Bonusmeilen en gros beim Jetten rund um den Globus. Seit 2015 ist der fliegende Finne Chef der Ludwigsburger Schlossfestspiele. Okay, da könnte er noch mit dem Auto hin, zumal Inkinen in Basel mit seiner Freundin lebt. Seit September vorigen Jahres gibt er aber auch den Prager Symphonikern den Takt vor. Und nächste Woche fängt er noch beim Japan Philharmonic Orchestra an. Wie Chichon, der Ende dieser Saison nach sechs Jahren die DRP verlässt, wird man Inkinen hier also eher dosiert sehen. Auf rund zehn Wochen Präsenz pro Saison wird man sich einstellen dürfen. Das allerdings ist Normalität, wenn man einen so aufstrebenden Musiker wie den jungen Finnen haben will.

So herrschte denn gestern Nachmittag eitel Sonnenschein auf dem Halberg ob der Verpflichtung Inkinens - zunächst für vier Jahre. "Die Chemie hat einfach gestimmt bei den bisherigen Konzerten. Die Musiker waren so interessiert an jedem kleinen Detail", begründet der smarte Blonde, warum er sich noch ein viertes Spitzenamt auflädt. Schon beim ersten Mal - 2010 war er erstmals Gastdirigent der DRP - habe es gefunkt zwischen ihm und dem Orchester, das von SR und SWR gemeinsam getragen wird.

Ähnlich hochgestimmt gab sich der Orchestervorstand: "Wir sind sicher, dass dies eine sehr erfolgreiche Zusammenarbeit wird." Intern hört man, dass die Musiker sich einstimmig für den neuen Chef entschieden haben; das hat Seltenheitswert. Quasi selbstverständlich, dass da auch die Sender-Chefs, SR-Intendant Thomas Kleist und sein SWR-Pendant Peter Boudgoust, in Champagnerlaune waren. Eines der jüngsten Konzerte mit Inkinen war Kleist offenbar noch sehr präsent. Beethovens Gassenhauer, die Fünfte, musizierte man. "Es war beeindruckend mitzuerleben, mit welcher Frische Inkinen die Fünfte realisierte", erinnert sich Kleist. Unser Kritiker war nicht gar so entzückt: Inkinen "‚pinselte' Beethovens ‚Fünfte' routiniert, flott und pauschalierend herunter." Dafür war er in eben jenem Konzert bei einem Werk seines Landsmanns Sibelius ganz und gar bei sich: "Klangschön und sensibel von Inkinen inszeniert" hieß es in der Kritik. Sibelius allerdings, sagt Inkinen, werde es wohl nur dosiert in seinen Programmen geben. Eine weitere Einspielung von Sibelius-Sinfonien müsse er nicht machen. "Nordisch würzen" werde er seine Programme aber gewiss, mit Werken von Rautavaara oder Salonen etwa. Eine interessante zusätzliche Farbe für die DRP.

Auch die schiere Jugend des Finnen könnte zum Trumpf werden: Ein derart frischer Dirigent lockt vielleicht jüngeres Publikum in die Konzerte. "Strawinskys ‚Sacre' ist da genau richtig", meint Inkinen, "dagegen kann man Iron Maiden vergessen."

Vielversprechend also, dieser Inkinen, der unter anderem bei Leif Segerstam an der Sibelius-Akademie in Helsinki studiert hat. Der bärtige Dirigent und Komponist kommt, wie auch Konzertbesucher der Musikfestspiele Saar wissen, wie eine Naturgewalt übers Publikum, Donnergott Thor am Pult. Inkinen hätte kaum einen inspirierenderen Lehrmeister haben können. Kein Wunder, dass sein junges Talent schon weltweit auffiel. Als Gastdirigent leitete er bereits oder debütiert demnächst bei Top-Orchestern wie dem Los Angeles Philharmonic, dem Concertgebouw Orchestra Amsterdam und dem Gewandhausorchester Leipzig.

Ja, dies könnte die Vita eines Überfliegers sein, doch Inkinen wirkt so, als ob er genügend Bodenhaftung habe. So sagt er auch, dass er seinen prall gefüllten Kalender kräftig ausdünnen muss, weil ihm das DRP-Engagement so wichtig sei. Und bei ihm ist das kein kleiner Verzicht. Schließlich ist er auch ein Mann der großen Oper, Wagner liebt er, bereitet in Melbourne gerade eine Wiederaufnahme des "Ring" vor. Da kann man sich bei der DRP schon was darauf einbilden.Zehn oder 80 Jahre? Welches Jubiläum die Deutsche Radio Philharmonie (DRP) kommendes Jahr feiert, kommt ganz auf den Standpunkt an. 2007 fusionierten das RSO Saarbrücken und das Orchester in Kaiserslautern zur DRP. Seitdem wird das Orchester von zwei ARD-Sendern, SR und SWR, getragen.

Bereits 1937 aber begann beim jungen Radio Saarbrücken ein sinfonisches Orchester. Parallel dazu gab's von 1953 an - über gut zwei Jahrzehnte lang - das Kammerorchester des SR mit seinem Leiter Karl Ristenpart, der vom Berliner RIAS kam. Dutzende Einspielungen belegen noch heute sein Renommee. 1975 vereinte man Sinfoniker und Kammerorchester; die erste Fusion. In den frühen Jahren hieß der Sinfoniker-Chef - von 1946 bis 1971 - Rudolf Michl, ein promovierter Jurist im Übrigen. Doch vor allem unter seinem Nachfolger, Hans Zender, profilierten sich die Saarbrücker. Zender, selbst Komponist, lenkte den Blick aufs Zeitgenössische. Mit dem Festival "Musik im 20. Jahrhundert" unterstrich der Saarbrücker Sender diesen Anspruch. Das Festival ist längst passé, sein Nachfolger ,"Mouvements" bloß noch Nachlassverwaltung. Und auch bei einigen Chefs, die nach Zender (er blieb bis 1984) kamen, stand das Zeitgenössische nur bedingt hoch im Kurs.

Für zwei Dirigenten war das RSO Saarbrücken ein bedeutender Schritt zur Welt-Karriere. Der Südkoreaner Myung-Whun Chung (1984 bis 1990) zählt heute zu den gefragtesten Pultchefs, hat Aufnahmen für die Deutsche Grammophon gemacht. Auch mit der Verpflichtung seines 2005 früh verstorbenen Nachfolgers, Marcello Viotti (bis 1995), machte der SR einen goldenen Griff. An seinen Elan und Klangsinn denken treue RSO-Konzertbesucher heute noch sehnsüchtig zurück. Die Zeit mit Michael Stern (bis 2000) blieb nur als Intermezzo haften; dem großen Namen seines Vaters, des Ausnahme-Geigers Isaac Stern, konnte der Sohn nicht gerecht werden.

Mit Günther Herbig kam 2000 dann wieder ein Orchestererzieher von Format, mit hohem Anspruch, Willen zur Präzision. Freilich auch ein Dirigent, der wesentliche Etappen seiner Karriere bereits hinter sich hatte.

Christoph Poppen fiel es danach zu, die schwere Aufgabe der Fusion von ROK und RSO, zweier sehr unterschiedlicher Orchester, zu begleiten. Poppen bewältigte es mit Bravour. Und dennoch sehnte man sich musikalisch nach neuen Herausforderungen. Karel Mark Chichon sorgte seit 2010 dafür; ein Chef, der auf viel Klangsinnlichkeit zielte, Oper vom Sinfonieochester forderte. Musikalisch eine glanzvolle Zeit, die nun zu Ende geht.

Meinung:

Der Aufwind hält an

Von SZ-Redakteur Oliver Schwambach

Man hörte bereits Unkenrufe, nach dem extrem fordernden Karel Mark Chichon werde sich die Radio Philharmonie einen "zahmeren" Chef suchen. Damit hätte man den beachtlichen musikalischen Zugewinn der Zeit mit dem zugebenermaßen polarisierenden Chichon leicht verspielen können. Mit Pietari Inkinen aber kommt nun ein Dirigent, der hoffen lässt, der künstlerische Aufwind der Rundfunk-Sinfoniker werde weiter anhalten. Dafür spricht, ohne Vorschusslorbeeren zu verteilen, was der junge Finne schon vorweisen kann. Insofern kann man der DRP nur zu dieser Verpflichtung gratulieren. Klar ist aber auch: Inkinen tritt kein leichtes Erbe an. Nicht zuletzt waren Chichon-Konzerte in Saarbrücken stets ein Publikumsmagnet. Auch das muss er schaffen.