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Zum 100. Geburtstag des Filmmoguls Artur Brauner: Filme drehen gegen das Vergessen

Zum 100. Geburtstag des Filmmoguls Artur Brauner : Filme drehen gegen das Vergessen

Artur Brauner überlebte den Holocaust mit knapper Not. Er avancierte zu Deutschlands einzigem Filmmogul. Heute wird er 100 Jahre alt.

Er war der Klein-aber-oho-Mann! Wo Artur Brauner auftrat, wurde das oft zum Spektakel. Der Mann mit den riesigen abstehenden Ohren, drahthaarigen Brauen und dem sorgsam gestutzten Menjou-Bärtchen war lustig, streitlustig, amüsant. Als „Atze“ – den Namen hatte ihm sein Freund Curd Jürgens verpasst – aber auch schillernd. Ein berüchtigter Partylöwe, der seine Gäste auf Tischen tanzen ließ, bei pompösen Filmpremieren im Berliner Zoo Palast über den roten Teppich lief und beim Bundespräsidenten nach dem Umhängen des Bundesverdienstkreuzes zu scherzen pflegte. Auffällig war aber auch, dass, wenn er einen begrüßte, der Handschlag jedes Mal sehr weich ausfiel. War das Sanftmut? Oder ging er vorsichtshalber zu jedem Deutschen, dessen Gesinnung er nicht kannte, auf Distanz?

Seit 2017 Artur Brauners Frau Maria nach 71 Jahre an seiner Seite im Alter von 90 Jahren starb, hat sich der Filmproduzent zurückgezogen. Sie war die starke Frau hinter dem Tycoon, fröhlich, mitteilsam, lebensklug in ihren Aussagen und mit Einfluss auf ihren Ehemann. Der sackte in eine profunde Leere. „Sie hat mich jeden Moment meines Lebens glücklich gemacht“, sagte er über die Verstorbene. Deshalb gibt es heute in der noblen Villa Brauner im Grunewald keine Feier. Am 8. September soll zu Brauners Ehren im Berliner Zoo Palast eine Gala stattfinden. Seine Tochter Alice Brauner, 52, sagt: „Mein Vater hat gute und schlechte Momente, aber er ist geistig völlig klar und streitet noch immer gern mit mir.“ Da geht es um sein Erbe, die „Central Cinema Compagnie“. Inzwischen hat Alice Brauner als Geschäftsführerin der  CCC das Sagen auf dem Studiogelände.

Der Jubilar wurde 1918 im polnischen Lódz als Sohn eines jüdischen Holzhändlers geboren. Als die besessene Judenhatz der Nazis begann, wurden 49 seiner Verwandten ermordet. Er selbst hatte sich im damaligen Grenzgebiet zwischen dem Deutschen Reich und der Sowjetunion versteckt, bei Partisanen in der Nähe des Flusses San. „Zu zwölft in einer in die Erde gegrabenen Höhle“, berichtet er in seinen Memoiren.

Über sein Durchkommen in der Nazi-Zeit gab Artur Brauner nie viel preis. Er war 1946 in die Stadt der Mörder gekommen, Berlin. Er hatte einen Pappkarton, eine Idee, womöglich schon einen Plan – und ein Gelübde. Das hatte er sich selbst auferlegt. Im Sommer 1945 nahe der Autobahn von Lemberg nach Kiew. Ein Bauer nahm ihn auf seinem Strohwagen mit. Der Feldweg führte am Wald entlang, plötzlich stoppte der Bauer sein Pferd. Hier dürfe man nicht hin, etwas Schlimmes sei passiert. Brauner sprang vom Wagen und lief über einen von Autoreifen ausgefahrenen Weg. Die SS hatte in dem Wald kurz vor Kriegsende Hunderte Juden erschossen. Danach flüchtete sie überhastet, das Massengrab wurde nicht mit Erde überdeckt. Auf der Spitze des Leichenberges lag ein Junge, etwa zwölf Jahre. „Er schaute mich mit offenen Augen an“, hat Brauner erzählt. „Ich hatte das Gefühl, dass er mir sagte: ‚Du sollst uns nicht vergessen.’“ Brauners Erschütterung wirkte lebenslang nach, sein Gelübde vergaß er nie: „Du musst alles, was möglich ist, unternehmen, um den Opfern des Nationalsozialismus ein Denkmal zu setzen.“

Das erste Denkmal war sein Film „Morituri“ (,,Todgeweihte“), den er 1947 in einem Wald nördlich von Berlin unter aberwitzigen Umständen drehte. Er bestach sowjetische Soldaten mit Wodka und aus dem Westsektor herausgeschmuggelten Lebensmitteln, als Statisten zu agieren. Schreckschusswaffen gab es nicht, die Rotarmisten schossen mit scharfer Munition. Die Premiere fand in Hamburg statt, die Menschen im Saal verfolgten das Geschehen auf der Leinwand komatös. Der Film wurde danach regelrecht boykottiert. Es war auch Brauners eigene Geschichte. In seiner Not verfilmte er das Lustspiel „Herzkönig“, das füllte die Kinosäle. Seine Erkenntnis: Die Leute wollen nicht wissen, was war. Sie wollen lachen und vergessen.

Noch kurz vor dem 100. Geburtstag hat er seiner Enkelin Laura, die eine von ihm gefertigte Chronik seiner Familie las, erzählt: „Wärst du damals in einem Raum von 100 Personen gewesen, so wären 90 davon fähig gewesen, einen Juden umzubringen.“ Es ist Brauners Lebensthema, er lässt nicht locker. Nach dem Krieg habe er gedacht, Juden würden auf Händen getragen. „Ich war naiv“, gibt er zu.

Aber stets konsequent. Er, der alle Stars der Fünfziger und Sechziger, von Heinz Rühmann bis O. W. Fischer in die Frontstadt holte, sagte anderen Stars ab. Denen, die einst auf der falschen Seite standen. Marika Rökk schrieb er einen Brief: „Ich werde nie mit Ihnen drehen, denn Sie haben 1937 Hitler schriftlich zu seinem Geburtstag gratuliert.“ Brauner hatte sich eine Kopie besorgt. Hildegard Knef war die Geliebte von Ewald von Demandowsky, Nazi und Chef der Filmfunktionäre. Die kam ihm nicht in seine Studios.

24 Filme über Opfer der NS-Diktatur produzierte Artur Brauner. Sie laufen in der Gedenkstätte Yad Vashem in Israel permanent. Er akzeptierte, dass sie keine Kinohits wurden, wollte aber sein Gelöbnis erfüllen. Mit Gram denkt er allerdings an den Film „Hitlerjunge Salomon“ (1990) zurück, der von der deutschen Auswahlkommission nicht  für das Oscar-Rennen nominiert worden war. Er empfand das als Beleidigung. Sein Triumph: Der Film lief weltweit erfolgreich, 1992 erhielt er den Golden Globe.

In 75 Jahren hat Artur Brauner 315 Produktionen realisiert. Dass sein Herzensprojekt, die Verfilmung von Oskar Schindlers Leben, der über 1000 Juden rettete, scheiterte und schließlich von Steven Spielberg vollendet wurde. grämt ihn noch heute. Von Schlagerfilmen mit Peter Alexander und Caterina Valente über „Tarzan“ mit Lex Barker, „Kudamm 59“ für das deutsche Fernsehen und derzeit die Netflix-Serie „Dark“. Bis zum Film „Crescendo“, demnächst im Kino, inspiriert von Daniel Barenboims West-Eastern Diva Orchestra, das aus Israelis und Arabern besteht.

„Ich habe alles auserzählt“, hat er gesagt. Er fühle sich in den Ruhestand versetzt. Aber wenn ihm heute noch eine gute Idee käme, würde er morgen versuchen, sie umzusetzen. „Sobald ich nicht mehr bin, kann ich aufhören.“