„Feminismus und Islam schließen sich nicht aus“

„Feminismus und Islam schließen sich nicht aus“

In der Reihe „Was werden wir werden?“ war am Freitag die deutsch-türkische Anwältin und Frauenrechtlerin Seyran Ates in der Saarbrücker Sparte 4 zu Gast. Unter dem Motto „Frauen – Gender – Recht“ ging es um die rechtliche Stellung der Frau in Deutschland im Vergleich mit muslimisch geprägten Gesellschaften. Es wurde heftig diskutiert.

"Der Islam braucht eine sexuelle Revolution." Das ist so eine der Thesen (und ein Buch gleichen Titels), mit denen sich Seyran Ates viele Feinde gemacht hat bei orthodox-muslimisch geprägten Migranten. Die 53-jährige deutsche Anwältin mit türkisch-kurdischen Wurzeln steht seit Jahren unter Personenschutz, seit sie ein Attentat, bei dem ihre muslimische Mandantin getötet wurde, knapp überlebte. Erst seit 2012 arbeitet sie wieder als Anwältin hauptsächlich für Familienrecht in Berlin. Und was sie aus ihrer Praxis erzählt, ist schauderlich. Zu ihr kommen verzweifelte, oft misshandelte, in einigen Fällen zwangsverheiratete Musliminnen - so sie denn den Mut haben, ihre Rechte in Deutschland einzuklagen und damit gegen die "islamische Paralleljustiz" aufzubegehren.

"Wenn sich eine deutschstämmige Frau scheiden lassen will, habe ich es mit einem einzigen Mann zu tun", erzählt Ates. "Bei muslimischen Frauen ist oft der ganze Clan involviert, vom betroffenen Ehemann über den Bruder der Frau bis hin zum Gemüsehändler um die Ecke." Morddrohungen gehören für Ates zum Alltag. Und doch stellt sie klar: Eine solche radikale Interpretation islamischer Gesetze und Traditionen verfolgt nur eine Minderheit. Für diese dürfe es aber keine "kulturrelativistische Rechtsprechung" geben, etwa bei "Ehrenmorden" oder im Falle der Kinderehen, die mittlerweile unter den neuen Zuwanderern in die hunderte gingen.

Als Mitglied der Deutschen Islamkonferenz warnte Ates eindringlich vor Pauschalisierungen, gerade weil der Islam so viele verschiedene Ausprägungen hat. Und doch zieht sich ein Vorwurf durch den Abend: Die Diskriminierung von Frauen in islamischen Gesellschaften sei angelegt in der schon in der Kindheit einsetzenden Sexualisierung der Geschlechter. Das fördere eine Sexualmoral, bei der Frauen vor allem als Sex-Objekte wahrgenommen würden. Je mehr sie belästigt würden, desto eher erscheine das Kopftuch als Lösung. Es ist eine von Ates' Erklärungen für die zunehmende Tendenz zur Verhüllung unter modernen, jungen Muslima. Mit dem Kopftuch hat Ates indes nur dann ein Problem, wenn es nicht aus "Gottgefälligkeit", sondern als "politisches Instrument" getragen wird. Wie "freiwillig" es eine Frau trägt, sei dabei strittig. Das kam auch zum Ausdruck in der sich anschließenden hitzigen Diskussion.

Sexualisierung von Frauen

Mit der Moderatorin und Mitdiskutantin Mechthild Gilzmer, Romanistik-Professorin an der Saar-Uni mit Schwerpunkt Gender-Forschung, war sich Ates einig, dass diese Sexualisierung ebenso Frauen in westlich-liberalen Gesellschaften diskriminiere (pornografische Werbung, ein äußerst liberales Prostitutionsgesetz etwa). Beide stellten fest, untermauert von Studien, dass Gewalt gegen Frauen unabhängig vom Kulturkreis sei. Entscheidend sei aber, wie Frauen zu ihrem Recht kämen - und ob sie es überhaupt einforferten.

Den Kampf für Gleichberechtigung und gegen das Patriarchat, wesentliches Machtmittel aller Religionen, habe die europäische Frauenbewegung schon vor über hundert Jahren begonnen - wenn auch nicht in allen Bereichen erfolgreich. Die Emanzipation muslimischer Frauen passiere "zeitversetzt", so Ates, auch weil der muslimische Feminismus erstens zu erheblichen Teilen von Männern initiiert wurde und es zweitens konkurrierende Strömungen innerhalb des Feminismus gebe. "Feminismus und Islam schließen sich aber nicht aus!"

Neuestes Projekt der kämpferischen Juristin: Sie gründet gerade eine Liberale Moschee für aufgeklärte, freiheitsliebende Muslime. Dort sollen Männer und Frauen Seite an Seite beten können.

Wie selbstbewusst und kämpferisch gerade junge verhüllte muslimische Frauen auftreten, konnte man an diesem Abend in der Sparte 4 erleben. Dabei ging es immer wieder um die Kritik am Kopftuchverbot im öffentlichen Dienst, für das Ates unbedingt steht. Das Kopftuch als Unterdrückungssymbol? Die Irritation westlicher Feministinnen, die sich einer zunehmenden Zahl verhüllter Frauen gegenüber sehen? Alles leider nur Themen am Rande. Vielmehr dominierten die (wenigen anwesenden) Männer die Diskussion. Einige waren offensichtlich Vertreter gut organisierter islamischer Verbände oder Gemeinden, die penetrant versuchten, Ates' Koran-Festigkeit auf die Probe zu stellen und sie in eine religionstheoretische Diskussion zu verwickeln, was die Anwältin resolut abbügelte. Am Ende und nach einigen Plädoyers für das "selbstbestimmte" Kopftuchtragen mehrerer verhüllter Frauen, platzte einer Alt-Feministin dann doch noch der Kragen: Nach den Kämpfen der 80er und 90er Jahre sehe sie überhaupt nicht ein, Diskriminierung aufgrund kultureller Zugehörigkeiten zu relativieren. Die Muslime müssten sich beim Thema Gleichberechtigung anpassen.

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