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Ex-Fußballprofi Éric Cantona ist in der Serie "Dérapages" der Rächer der Langzeitarbeitslosen

Ex-Kicker Cantona als moderner Robin Hood : Vom Vorstellungsgespräch direkt in den Knast

Ex-Fußballprofi Éric Cantona als brüchiger Held der Kapitalismuskritik: In der mehrdeutigen Serie „Dérapages – Kontrollverlust“ will er einem Haifischkonzern zeigen, wo der Hammer hängt.

Vom Grün des Fußballplatzes ins Elend der fiktionalen Langzeitarbeitslosigkeit: Erst auf Arte und nun auf Netflix können auch Nicht-Fußballfans wieder einmal an der erstaunlichen Wandlung des Éric Cantona teilhaben. Cantona – er hat mit Olympique Marseille zweimal die Französische Meisterschaft und mit Manchester United viermal die Premier-League gewonnen – setzt in seiner Ende der 90er Jahre gestarteten Schauspiellaufbahn einen Höhepunkt, der in Erinnerung bleiben wird.

In der französischen Serie „Dérapages“ spielt er den Langzeitarbeitslosen Alain Delambre, der nach sechs Jahren der demütigenden Handlanger-Jobs eine Einladung zu einem Vorstellungsgespräch als Personaler bei dem Luftfahrtkonzern Exxya bekommt. Doch die Firma im todschicken Pariser Viertel La Défense plant ein Werk in der nordfranzösischen Provinz zu schließen und eiskalt 1200 Angestellte zu feuern. Weil man im Mutterland des europäischen Streiks kriegsähnliche Zustände erwartet, soll für die Rausschmeißaktion der härteste Hund gefunden werden. Als probates Mittel zur Rekrutierung erscheint dem Konzernchef eine inszenierte Geiselnahme – mit Psychotricks, vermummten Gangstern und täuschend echten Waffen opportun zu sein. Doch der aalglatte Anzugschnösel hat die Rechnung ohne den 57-jährigen Jobkandidaten Delambre gemacht.

Éric Cantona, bekannt dafür, den Hitlergruß eines Fußballzuschauers mit einem Kung-Fu-Kick zu beantworten oder mitten in der Finanzkrise das Abheben sämtlichen Geldes von der Bank zu fordern, ist die temperamentvolle und vehemente Rolle auf den Leib geschneidert. Wahrscheinlich, weil die Figur des Alain Delambre kein strahlender Robin Hood ist, sondern ein Rachelüsterner, der in seiner ökonomischen Not und mit angegriffenem Selbstwertgefühl selbst familiäre Kollateralschäden in Kauf nimmt. Cantona, in den allermeisten Szenen recht bis sehr überzeugend, nähert sich in seinem Spiel dem Wutbürger- und Gelbwestentum, um als gewitzter Held des kleinen Mannes auch Sympathie zu erhaschen. Zumindest bis zum Finale, das stark auf eine weitere Staffel deutet.

Die Serie war erst unter dem deutschen Titel „Aus der Spur“ auf Arte zu sehen und ist nun als „Dérapages - Kontrollverlust“ auf Netflix verfügbar. Dabei trifft es der zweite Titel besser, denn was in der Serie alles aus dem Ruder läuft, ist viel mehr, und vor allem viel bedrohlicher, als nur ein bisschen neben der Spur zu sein. Am besten startet man die Originalversion, denn der südfranzösische Akzent, den Cantona als gebürtiger Marseillaner beherrscht, gibt seiner Figur eine markante Authentizität und zweischneidige Entschlossenheit. Und ja, wer den Trailer geschaut hat, hat sich nicht verschaut: In Nebenrollen zu sehen sind der wieder mal brillante Gustave Kervern, einer der Komiker von Frankreichs abgründig-bösem Satirehit „Groland“ sowie Co-Regisseur von „Mammuth“, und Suzanne Clément, die 2012 für ihre Leistung in Xavier Dolans „Laurence Anyways“ in der Cannes-Reihe „Un certain regard“ ausgezeichnet wurde.

Kopf hinter der Rächergeschichte ist Ziad Doueiri, der als Kameraassistent des frühen Quentin Tarantino arbeitete, namentlich bei „Reservoir Dogs“, „Pulp Fiction“ und „Jackie Brown“, und mit seinem Drama „Der Affront“ 2017 für den Oscar des besten ausländischen Filmes nominiert war. Seine für Arte France produzierte Serie ist von dem Roman „Cadres noires“ des Prix-Goncourt-Preisträgers Pierre Lemaitre inspiriert. Wer meinte, das handlungsauslösende Ereignis sei an den Haaren herbeigezogen, täuscht sich leider: Tatsächlich verarbeitete Lemaitre eine Geiselnahme, die ein Chef von France Télévisions Publicité 2005 in der Privatisierungsphase des öffentlichen Unternehmens inszenierte, um die Zuverlässigkeit der Führungskräfte zu testen.

Der Serie verzeiht man, dass Delambre im Knast Plattitüden philosophiert und manche Wendung, etwa die Opferung eines Sympathiebolzens, etwas pflichtschuldig exerziert wird. Auch, dass Delambres Eskalation und seine Transformation zum Gangster zu schnell geht. Denn das große Plus ist, dass „Dérapages“ eine düster-spannende Rachefantasie ist, die auf Schwarz-Weiß-Malerei verzichtet. Zwar bereitet die Abrechnung mit dem Raubtierkapitalismus Vergnügen, doch die Art, wie Doueiri seinen Protagonisten inszeniert, verunsichert. Wenn Delambre in seiner gekränkten Wut seine Familie benutzt, wird der Zuschauer stellenweise selbst zum Stockholm-Syndromiker. Wer hier wen manipuliert, verschwimmt zusehends.

Serie „Dérapages – Kontrollverlust“ als sechs Folgen zu 50 Minuten auf Netflix abrufbar.