Es lebe das Akkordeon!

Am letzten Tag der St. Wendeler Jazztage zeigte Festivalmacher Ernst Urmetzer erneut sein Programmgespür für Weltmusik. Erst mit Fado auf Jiddisch von Noëmi Waysfeld und dem Trio BLIK, dann mit Emile Parisien (Sopransaxofon) und Vincent Peirani (Akkordeon).

Was gibt es Schöneres, als wenn Virtuosität und Ausdruck eine gleichwertige Liaison eingehen? So geschehen am letzten Tag des St. Wendeler Jazzfestivals. Den üblichen heiteren Ausklang hatte der künstlerische Leiter "Ernesto" Urmetzer in diesem Jahr gestrichen.

Stattdessen erhob er den dritten Tag zum vollwertigen Blue Note-Abend und frönte dabei seiner Vorliebe für Weltmusik - welch ein Glücksgriff! Denn in Sachen Intensität legte der Sonntag noch eine Schippe drauf und sorgte dafür, dass die 26. Jazztage auch wegen fulminanter französischer Musiker und der Hervorhebung des zu Unrecht verkannten Akkordeons in die Annalen eingehen. Zugleich war hier die dritte Sängerin in Folge zu hören, die romanische Tradition kultiviert: Mit warmer Altstimme interpretierte Noëmi Waysfeld, Vokalistin jüdisch-russischer Abstammung, Lieder der portugiesischen Fado-Ikone Amalia Rodriguez - allerdings auf Jiddisch.

Kein Übertragungsproblem, ist doch auch diese Sprache prädestiniert, Geschichten von Schmerz, Trauer, Verzweiflung und Hoffnung zu erzählen. Mehr als nur begleitet wurde Waysfeld von dem kongenialen Trio BLIK, das Einflüsse aus Klezmer, Musette, Tango und Gypsy Jazz aufgreift und der Sängerin in jeder Hinsicht dynamisch zuarbeitet. Ein Ohrenschmaus war vor allem das Akkordeon von Thierry Bretonnet, der hochsensibel und mit bluesigem Zugriff die gesamte orchestrale Fülle des Instruments auskostete.

Dankenswerterweise zelebrierten Waysfeld & BLIK aber nicht nur die dunkle, melancholische Seite des Fado, sondern entfachten mitreißenden Schwung und ansteckende Tanzeslust. Ebenso wie danach Emile Parisien (Sopransaxofon) und Vincent Peirani (Akkordeon): Spielend können diese beiden mit Superlativen überhäuften Musiker emotional ausbrechen und ebenfalls die schwindelerregende Hochgeschwindigkeit routinierter Kirmesmusikanten erreichen. Doch fußt ihr atemberaubend symbiotisches Zusammenspiel im Kern auf Kontemplation und Fokussierung auf das subtile Miteinander von Klang, Melodie und Rhythmik - eine Introvertiertheit, die oft geradezu Passions-Charakter hat.

Parisien betört auf dem Sopransax mit einem unerhört warmen, weichen und dunklen Ton, provoziert aber durch Überblasen auch schrille Oberton-Spektren. Derweil Peirani alle - auch perkussiven - Register seines Instruments zieht und mitunter enthemmt parallele Läufe mitscattet. Ein grandioser Abschluss!