Ergreifender Realismus

Spaniens goldene Zeit“ – unter diesem Titel zeigt die Münchner Hypo-Kunsthalle erstmals hundert Gemälde und Skulpturen des 17. Jahrhunderts außerhalb von Spanien – darunter Meisterwerke von Velázquez, Goya und El Greco.

Wie kann ein Narr so ernst, ja geradezu todtraurig in die Welt schauen? Der "Hofnarr mit Buch auf den Knien", den Diego Velázquez um 1638 für das königliche Jagdschloss malte, ist in vornehme schwarze Gewänder gekleidet und umgeben von Büchern, Papier und Schreibfeder. Ist der Zwerg die Karikatur des Gelehrten, der vom Folianten fast erdrückt wird? Oder ist er der Typus des melancholischen, weisen Narren, wie ihn die spanische Literatur beschreibt?

Die Welt, die uns die großen spanischen Meister vor Augen stellen, lässt sich in heutiger Zeit nicht so einfach entschlüsseln. Vieles bleibt fremd, manches geheimnisvoll. Warum malte Juan Sánchez Cotán seine Stillleben stets so, dass tote Tiere, Obst und Gemüse an Fäden herabhängen, wohlgeordnet nach Form und Farbe? Welch ein Gegensatz zu der überbordenden Fülle niederländischer Obst- und Früchtebilder der gleichen Zeit!

In Spanien galt das in Europa strengste Hofzeremoniell, Philipp II. lebte gleichsam als mönchischer König in seiner Kloster-Residenz El Escorial. Während das Land von Staatsbankrotten, Hungersnöten und Pest gebeutelt wurde, versuchte die katholische Kirche, die Emotionen der Menschen zu kanalisieren. Nur so ist jenes große Theater zu verstehen, das sich bis heute alljährlich in der "Semana Santa", der "Heiligen Woche" vor Ostern, aus den Kirchen auf die Straße ergießt. Es sind Prozessionen, in denen lebensgroße Statuen des leidenden Christus und der trauernden Maria von Büßern durch die Städte getragen werden, während klagende Trompeten und dumpfe Trommelschläge die Gespräche der Menschen zum Verstummen bringen.

Die Ausstellung vermittelt diese spanische Form des Katholizismus sehr anschaulich durch Filmaufnahmen, vor denen Prozessions-Skulpturen die Kreuztragung Christi darstellen. Und der tote Christus von Gregorio Fernández treibt den Realismus auf die Spitze, indem die Zähne aus Elfenbein, die Fingernägel aus Rinderhorn und die Wunden aus Kork täuschend echt nachgebildet sind. Mit allen Mitteln versuchten die Künstler, die Menschen zum Mitleiden zu bewegen. Selbst Kunstgriffe, blutende Wunden und Tränen durch glänzende Glastropfen darzustellen, waren erlaubt. Gerade bei der Darstellung von Heiligen spielen Schmerz, Wunden und Blut eine große Rolle. Es ist ein ergreifender Realismus, der erschaudern lässt.

Erholung von diesen Bildthemen bieten die Kinderbilder von Murillo und die Darstellung der Maria von El Greco, die von Engeln in den Himmel gehoben wird, während sich weißes Licht über die farbigen Gewänder ergießt. Das dreieinhalb Meter hohe Gemälde ist im "Museo de Santa Cruz" in Toledo ganzjährig ein Anziehungspunkt für Touristen - und man kann ermessen, welcher Überzeugungsarbeit es bedurfte, damit solche wertvollen Leihgaben nicht nur aus Spanien, sondern auch aus den USA und dem Pariser Louvre nach Deutschland reisen durften, um hier erstmalig diese "goldene Zeit" Spaniens zu zeigen.

Läuft bis 26. März.

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