Saarbrücker Jazzfestival: Einmal Impressionismus, einmal Expressionismus

Saarbrücker Jazzfestival : Einmal Impressionismus, einmal Expressionismus

Das Saarbrücker Jazzfestival bot am Wochenende im Leidinger zwei hochklassige, völllig unterschiedliche Club-Konzerte.

() Wo waren eigentlich all die hiesigen Jazzstudenten der Musikhochschule? Das jüngere Publikum konnte man fast an einer Hand abzählen bei den beiden hochklassigen Wochenend-Konzerten des Saarbrücker Jazzsyndikats. Das war aber auch schon der einzige Wermutstropfen der beiden Abende, die unterschiedlicher kaum sein konnten.

Als wollte das Espen Eriksen Trio am Freitagabend im ausverkauften Leidinger gleich mit seinem ersten Stück „On the sea“ beweisen, dass es nicht für seichten Jazz steht, ließ es dessen balladenhaftes Grundgerüst bald hinter sich und schüttelte die Verhaltenheit des Intros ab. Was sich dann überhaupt bald als das tragende Kompositionsprinzip der Norweger herausstellte: Espen Eriksens lyrische, bisweilen zu eingängige Klaviererzählungen, rhythmisch kühl unterlegt von Lars Tomord Jensen (Kontrabass) und Andreas Bye (Drums), entfloh er, vor allem im zweiten Set nach der Pause stärker angetrieben von seinen fabelhaften Begleitern, mehr und mehr in impressionistisches Freiland, um die konfektionierten Verpackungsschleifen der Stücke zu lösen: In „In the mountains“, einem der homogensten, pinselte Bye mit geschlossenen Augen einem Maler gleich über sein Schlagwerk, Jensen kletterte introvertiert auf seiner Basswirbelsäule, während Bandleader Eriksen am Flügel kopfschüttelnd hübsche Klaviergedichte anschlug, um sie dann fingerakrobatisch gegen den Strich zu bürsten, sodass sie dann doch einigen Furor entfalten konnten. Ungeachtet einiger ekstatischer Momente wirkte das Trio aufs Ganze gesehen dennoch eine Spur zu eingespielt, um ihren Kompositionen die routinierte Verhaltenheit zu nehmen.

Am Tag darauf stand dann das Miguel Zenón Quartet im (abermals proppevollen) Leidinger auf der Bühne und machte von Anfang an nicht nur mächtig Druck, es setzte auch ungleich expressionistischere Klangfarben. Zenóns Altsaxophon erklomm beherzt einen Höhenzug nach dem anderen, um zwischendurch dezent in den Hintergrund zu treten und seinen exquisiten Gefährten – Luis Perdomo am Klavier, Hans Glawischnigg am Kontrabass und Henry Cole an den Drums – Raum zur Kommentierung seiner gesetzten Impulse zu geben. Die New Yorker mit überwiegend lateinamerikanischen Wurzeln (Zenón und Cole stammen aus Puerto Rico, Perdomo aus Venezuela) haben in den 17 Jahren, in denen sie zusammenspielen, eine völlig originäre Melange aus einem waschechtem, wesentlich Bebop-geprägten Jazz und lateinamerikanischen Folklore-Anleihen gefunden, die schlicht mitreißend ist.

Wie Glawischnigg seinen Bass akupunktierte, Cole an den Drums druckvoll alle Register zog und Perdomo dazu am Flügel einen unbeirrt warmen Ton anschlug, all das formte in blindem Wechselspiel einen bestechenden, komprimierten Sound, der das tragende Fundament von Zenóns beseelten, langen Soli abgibt. Wie das Quartet Tempi, Figuren und Stimmungen zu wechseln verstand, das machte diesen Abend, in dessen Zentrum ihr jüngstes Album „Tipico“ stand, zu einem Höhepunkt des Saarbrücker Jazzfestivals, das man für seine weit gefächerte Programmpolitik einmal mehr loben muss.

Letztes Clubkonzert im Leidinger heute (20 Uhr) mit Harold Mabern und dem Eric Alexander Quartet.