Einen wie ihn gibt's kein zweites Mal: Am Sonntag wird der Dichter Johannes Kühn 85 Jahre alt

Johannes Kühn zum 85. Geburtstag : Gefährte, Anwalt der Sprachlosen

Am Sonntag wird der saarländische Dichter Johannes Kühn 85 Jahre alt und in Hasborn gefeiert.

Johannes Kühn sei „wie ein Philosoph“, sagt der französische Literaturwissenschaftler Jean-Pierre Lefebvre in Gabi Heleen Bollingers Filmporträt über Kühn, dem sie dessen vier Schaffenselemente „Papier, Stift, Kaffee und Zigarren“ zum Titel gab. Sieht man Bollingers einfühlsamen, trefflich gebauten Film und vernimmt wieder die darin zitierten Auszüge aus Kühns Gedichten, so muss man nur das „wie“ in Lefebvres Satz streichen, um der Wahrheit nahe zu kommen.

Am Ende dieses auf beglückende Weise geglückten halbstündigen Films erklingt Kühns, dessen Genius Hölderlin mit beschwörendes Gedicht „Ohne Hochmut“. Dass sein Schöpfer genau dies ist, ein Philosoph der menschlichen Existenz, wer wollte nach solchen Versen daran noch zweifeln? „Unter Sterblichen bin ich gegangen, / der Stern war mein Stern, / ein Blümchen /  mein Blümchen ,/ auch wenn es im fremden Garten wuchs ./ Feinden ging ich aus dem Weg / und hab am Gras / mein Leben gemessen, / dem es gleicht / nach des Psalmes Weisheit. / Ich heb mein Glas / in viel Richtungen winkend, / den Freunden zum Gruß. / Wenn noch einer meinen Namen kennt, / so ist es Güte. / Solches hab ich zu sagen / ohne Hochmut.“

Anlässlich seines 85. Geburtstages an diesem Sonntag rollt die Gemeinde Tholey ihrem Ehrenbürger den roten Teppich aus und lädt um Glockenschlag 10.30 Uhr zum großen Bahnhof in die örtliche Kulturhalle Hasborn-Dautweiler. Der Ministerpräsident und der Landrat werden sprechen. Und der in Braunschweig lehrende Literaturwissenschaftler Jan Volker Röhnert die Festrede halten. Johannes Kühn wird mit seinen langjährigen Herausgebern Irmgard und Benno Rech aus seinen Werken lesen, der Journalist Klaus Brill launig durchs Programm führen und es nachmittags Darbietungen örtlicher Kulturvereine und Grundschüler geben. Mottohaft überschrieben mit „Ein Dorf feiert seinen Dichter“.

Das tat es längst nicht immer, was in Bollingers für den SR entstandenem Film einmal mehr zur Sprache kommt. Lange Zeit entfloh Kühn seinem Dorf Hasborn (heute ein Ortsteil Tholeys) in tiefe Einsamkeit, fühlte sich von den ihre Meckertrompeten ausfahrenden Leuten als „dummer Versemacher und Schossel“ abgetan, wie sich der Dichter im Film erinnert. Eine Haltung, die sein Seelenleben, wie er in taktvoller Dorfschonung sagt, „betrübt“ habe. Später hört man aus dem Off dann einen Kühn-Satz, der in seinem oppositionellen Gestus eine Ahnung davon gibt, warum er von all dem erlittenen Spott und Hohn nicht in die Knie gezwungen ward. „Ihr Häusersitzer, ich bin Erfinder unausdenkbarer Schätze.“

Kühn hat sich über die Jahrzehnte ein lyrisches Refuguium geschaffen, an dem lesend Anteil zu nehmen, innere Bereicherung ist. Es gibt wohl keinen zweiten zeitgenössischen Dichter (jedenfalls im Deutschen), der der uns umgebenden Flora und Fauna auf beseeltere Weise Stimme gegeben hat. Ja, die Natur spricht sich bei ihm aus. Mehr als 20 Gedichtbände sind seit den 80er Jahren erschienen, ins Französische, Spanische und Japanische hat man ihn übersetzt. Drei neue Gedichte kommen täglich hinzu. Nicht alle bleiben. Die es tun, deren Sinn ist kein „gemachter“, sondern eingegeben. Als sei dieser Johannes Kühn  Gefährte und Anwalt der Sprachlosen.

Reden, Lesungen und Darbietungen: Sonntag, 10.30 Uhr: Kulturhalle Hasborn.
SR2 KulturRadio sendet heute (Sa, 9.05 bis 9.30 Uhr) Gabi Bollingers Kühn-Hörstück „Ja, ich bin nur Dichter“.

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