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„Eine Deutschlandreise“ und die Deutschland-Sehnsucht von Thomas Wolfe

Hell- und nachsichtiger Blick auf Deutschland : Unstillbares Sehnen nach Deutschland

Thomas Wolfe gehört zu diesen Was-wäre-wenn-Autoren. Was hätte dieser ungezügelte Erzähler wohl noch alles Herrliches schreiben können, hätte nicht der Tod diesen Zwei-Meter-Kerl so früh gefällt, mit knapp 38 erst; Gehirntuberkulose.

Wolfes literarische Hinterlassenschaft ist dennoch beachtlich: Stories und Romane, mit denen der ewige große Junge aus North Carolina im Deutschland der 1930er Jahre zunächst mehr gefeiert wurde als daheim. Und Wolfe liebte auch Deutschland. Ins Land seiner Vorvorväter lockte ihn unstillbare Sehnsucht, dort spürte er eine unerklärliche Vertrautheit und kokettierte mit seinen quasi instinktivem Verstehen der deutschen Sprache. Der wunderbare Manesse-Band „Eine Deutschlandreise“ arrangiert jetzt Stories, Briefe und sprachlich ungefilterte Tagebuchnotizen zu einem schillernden Mosaik seiner Erlebnisse im Deutschland bevor und nachdem die Nazi-Dikatur begann. Und Wolfe hielt wirklich alles fest. Von seinem zufälligen Treffen mit James Joyce im Frankfurter Goethe-Haus über Untersuchungen seines Penis (er fürchtete wohl eine Geschlechtskrankheit) bis zur Zahl der Platzwunden, die er sich bei einer Oktoberfest-Prügelei holte. Über diese, seine „Heldentat“ findet der Dichter fast kein Ende.

Sechs Mal kam Wolfe vor seinem Tod 1938 nach Europa, streifte manisch durch deutsche Museen, berauschte sich an der Kunst wie in den Brauhäusern. Sein Blick auf Deutschland war hellsichtig, wenn auch manchmal zu nachsichtig: Die Verfolgung der Juden ist lange kein Thema für ihn, bis er auch das hässliche Deutschland sieht, die Uniformen, die ausrasierten Nacken und dieses Widerwärtige nur noch „zertreten“ möchte.

Thomas Wolfe: „Eine Deutschlandreise“. Manesse. 407 Seiten, 22 Euro.