Ein Menschenfreund, der gerne aus dem Hintergrund agierte

Ein Menschenfreund, der gerne aus dem Hintergrund agierte

Wer sich um ein Interview mit Lord George Weidenfeld bemühte, bekam es, musste sich dabei aber zuqualmen lassen. In einer Stunde konnte man so viel passiv rauchen wie das ganze Jahr nicht. Der kleinwüchsige Mann mit dem großen Kopf liebte Zigarren; führte er sie zum Mund, schmatzte er manchmal.

Wer so viel rauchte, konnte eigentlich nicht alt werden - Weidenfeld starb am Mittwoch im Alter von 96 Jahren. Für den Springer-Konzern hatte der alte Mann bis noch vor wenigen Monaten Kolumnen geschrieben, die in der "Welt" abgedruckt wurden.

1919 in Wien geboren, war der Österreicher jüdischer Herkunft 1938 nach Großbritannien geflohen. 1946 wurde Arthur Georg zu George Weidenfeld, arbeitete für die BBC und war einer der Ersten, der die zynische Propaganda der Nazis analysierte. Schon 1942 erschien sein Buch "Das Goebbels-Experiment", in dem Weidenfeld zum einen seine Faszination an Hitlers Propagandaminister durchschauen ließ, aber auch präzise dessen Mittel analysierte.

Weidenfeld gründete 1948 mit Nigel Nicolson das Verlagshaus Weidenfeld & Nicolson in London, das sich schnell etablierte. 1948 ließ er sich nach Gründung des Staates Israel darauf ein, Berater der israelischen Regierung zu sein. 1949 fungierte er für ein Jahr als Kabinettschef von Chaim Weizman, dem ersten Staatspräsidenten. Ihm lag an der Aussöhnung zwischen Deutschland und Israel. Nach Rückkehr nach England gehörte er zu den engen Beratern des britischen Premiers Harold Wilson, 1976 erhob ihn die Queen in den Adelsstand. Weidenfeld erhielt einen Sitz im Oberhaus. Er war ein Teamplayer, leise, zurückhaltend, aber konsequent.

Lord Weidenfeld war es ein Bedürfnis, die europäische Integration voranzubringen. Dafür wurde er vielfach geehrt. Mit dem 2006 gegründeten Institute for Strategic Dialogue bekämpfte er den Extremismus, trat rigoros für ein verstärktes Bildungswesen ein. Er agierte aus dem Hintergrund, aber mit Nachdruck und großer Menschenfreundlichkeit. 2015 gründete er eine Stiftung, die syrische Christen aus dem IS-Terror retten konnte.

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