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Ein Gestalter mit Blick fürs große Ganze

Ein Gestalter mit Blick fürs große Ganze

27 Jahre war er Professor für Produktdesign an der Kunsthochschule des Saarlandes. Jetzt geht Andreas Brandolini in den Ruhestand.

Das große Ganze hat Andreas Brandolini immer schon interessiert, als Hochschullehrer, aber auch als Designer und Architekt. Als er sich 1989 an die neu gegründete Hochschule der Bildenden Künste Saar (HBK) als Professor für "Möbel- und Ausstattungsdesign" bewarb, war es genau dieser damals innovative, ganzheitlich gedachte, weil interdisziplinäre Ansatz der neuen Hochschule, der Saarbrücken für den Berliner Designer interessant werden ließ. In Berlin hatte Brandolini sich in den 1980er Jahren bereits mit seinen experimentellen Entwürfen einen Namen gemacht, zählte zu den Mitbegründern des avantgardistischen "Neuen Deutschen Designs", das mit Formen und Materialien experimentierte. "Ich war quasi ein Aussteiger", sagt Brandolini, der sich damals als Teilhaber der "Bellefast - Werkstatt für experimentelles Design" vom klassischen industriell-funktionalen Entwerfen verabschiedet hatte, um im Kollektiv mit Handwerkern, Künstlern und Architekten in der neuen Werkstatt ganzheitliche Gestaltungslösungen anzubieten. Statt um Form und Funktion ging es ihm dort um Emotionalität und den gesellschaftlichen, politischen und historischen Kontext.

Diesen übergreifenden, ganzheitlichen Ansatz hat Brandolini in seiner fast 30-jährigen Lehrtätigkeit nie aufgegeben. "Gestaltung fängt beim Deckel an und hört bei der Stadtplanung auf", umreißt er es. Mit dem "Lupenblick des Designers" hat er immer wieder den öffentlichen Raum erkundet - auch im Saarland, wo der Documenta-Teilnehmer von 1987 ("Deutsches Wohnzimmer" mit einem Tisch wie eine Wurst über einer in einen Teppich gewebten Feuerstelle) mit seinen Studenten und Hochschulkollegen diverse Projekte anstieß, Visionen entwickelte oder Räume gestaltete (zum Beispiel Warteräume in der Uniklinik in Homburg). Auch international hat Brandolini einen guten Namen, war als Gastprofessor nicht nur in Nancy, Brest und Reims, sondern auch in London, Mailand und São Paulo. Wie behutsam, aber nachhaltig attraktiv man einen unwirtlichen Platz umgestalten kann, zeigte er 1996 am Gaußplatz in Wien. Und auch für die Saarbrücken entwickelte Brandolini 2010 in einem Gutachten für die Kunstkommission so einige Ideen für die Gestaltung des öffentlichen Raums, die aber nicht umgesetzt wurden.

Das große Ganze in der Stadtplanung ist das eine. In den HBK-Werkstätten brachte Brandolini seinen Studenten vor allem auch die Arbeit am Objekt und mit unterschiedlichen Materialien wie Keramik, Holz und Metall bei. Es entstanden Entwürfe für Möbel und Stadtmobiliär, gerne aus einfachen Materialen wie Sperrholz oder Pappe. Auf die zunehmende Digitalisierung reagierte Brandolini - immer interessiert an der Fortentwicklung seiner Lehre - mit der Entwicklung des Digitalen Produktionszentrums 2012 als experimentellem Forschungsstandort an den Schnittstellen von Technologie, Informatik, Kunst und Design. "Persönlich arbeite ich allerdings sehr analog, am liebsten ist mir der Bleistift", verrät er. Vergleichbar mit den Kollektivbewegungen der 80er Jahre in Kunst und Design müssten Künstler und Designer heute "Open source" und Crowdfunding-Strategien nutzen, um Innovation voranzubringen und neue gesellschaftliche und wirtschaftliche Impulse aufzugreifen. "Gestalter brauchen Visionen", fügt er hinzu. Gutes Design diene immer auch der sozialen Interaktion.

Als sich 1992 die Möglichkeit für die HBK ergab, die stillgelegte historische Glashütte im elsässischen Meisenthal für Hochschulprojekte im Glasdesign zu nutzen, entwickelte er gemeinsam mit seinem Kollegen François Burkhardt das Konzept. Heute ist das Internationale Glaszentrum (CIAV) ein Ort, wo Studierende auf der Basis historischer Formen neue Glasdesigns kreieren, die von Glasbläsern vor Ort umgesetzt werden. Egal ob er Möbel oder Glasobjekte entwirft, Brandolinis Design ist stets verankert in der Region, stellt geschichtliche Bezüge her. So auch bei dem großen Forschungsprojekt "Decorum", für das internationale Glasdesigner und Studenten aus ganz Europa sich mit zeitgenössischen Interpretationen traditioneller Glasdekortechniken befassten. 2012 wurde Brandolini dafür mit dem Landespreis Hochschullehre geehrt.

Nun also, nach 27 Jahren, geht "Brando", wie er an der HBK, deren Prorektor er von 1998 bis 2001 war, auch genannt wird. Nachfolgerin wird die deutsch-schwedische Designerin Katrin Greiling. "Ich hoffe, ich habe eine Spur gelegt, die weiter begangen wird", wünscht er sich. Wohin es ihn selbst führt, sei noch offen. "Ich freue mich auf das, was jetzt kommt." Hühner züchten in seinem Haus auf dem Land in Lothringen wolle er jedenfalls nicht. An Ideen wird es dem Gestalter wohl nicht mangeln.