Ein Funken Freiheit auf der Bühne

Sulzbach · In Syrien war Mwoloud Daoud ein bekannter Theatermann, jetzt lebt er als Flüchtling mit seiner Familie in Sulzbach-Hühnerfeld. SZ-Mitarbeiterin Silvia Buss hat ihn besucht.

 Mwoloud Daoud als römischer Feldherr in einer beliebten syrischen Fernseh-Serie. Foto: Mwoloud Daoud

Mwoloud Daoud als römischer Feldherr in einer beliebten syrischen Fernseh-Serie. Foto: Mwoloud Daoud

Foto: Mwoloud Daoud

"Ich wollte nie zu Fuß und übers Meer flüchten", sagt Mwoloud Daoud. Allein über seine Flucht - mit Visum und Flieger via Spanien - könnte der 48-Jährige Syrer Abend füllend erzählen, doch das ist nicht sein Ding. Auch kein Wort der Bitterkeit hört man aus seinem Mund, wenn er, der seit November 2014 als Flüchtling mit Frau und zwei erwachsenen Kindern im ehemaligen Pfarrhaus von Sulzbach-Hühnerfeld wohnt, von seinem früheren Leben erzählt. Dabei hat er viel verloren. Zwei Theatergruppen hat Daoud in Syrien gegegründet und geleitet, eine in Hama, einer Bezirkshauptstadt, und in Salamiya, der davon 35 Kilometer entfernten Heimatstadt, in der er auch ein Festival ins Leben rief. Auch in Fernsehfilmen hat er mitgespielt. Ja, Daoud war wohl in Syrien ein bekannter Mann.

Theater in einer Diktatur, wie war das überhaupt möglich? Überhaupt Theater im arabischen Raum? Was weiß man davon? Daoud grinst. Wo soll er anfangen zu erzählen? Bei den Wandergruppen vielleicht, die mit Volkstheater umherzogen? Bei den vielen jungen Leuten, die Anfang des 20. Jahrhunderst nach Russland gingen, um richtig Theater zu studieren? Und die 1970 nach Syrien zurückkamen, um in Damaskus eine Fachhochschule für Schauspiel zu eröffnen? "Tunesien und Syrien waren die Nummer eins in der arabischen Welt, was das Theater angeht", sagt er. Auch "ein bisschen Freiheit" habe es für das syrische Theater gegeben. "Wir durften ein bisschen über Korruption sprechen, über die des Bürgermeisters schon, aber nicht über die der Familie Assad". Regisseur zu werden, vom Theater leben zu können, erfährt man, musste sich Daoud erkämpfen. Nach einer Ausbildung zum Labortechniker, absolvierte er eine dreijährige Schauspielausbildung bei der Künstlergewerkschaft und kniete sich in die Schriften von Brecht, Peter Brook, Stanislawski und Dario Fo. Mit Unterstützung des Bürgermeisters erhielt er die staatliche Genehmigung, als Künstler hauptberuflich zu wirken. Gleich zwei Theatergruppen gründete er, weil in Hama, wo islamische Fundamentalisten dominierten, keine Frauen auf der Bühne spielen durften. "Wenn ich für eine Inszenierung Schauspielerinnen brauchte, holte ich sie aus meiner zweiten Truppe in Salamiya", erzählt Daoud. Weil es in Syrien wenig Theaterautoren gab, schrieb er viele Stücke selbst, inszenierte aber auch Peter Weiss oder Dario Fo, eindeutig sein Favorit.

Für Fos " Der ehrliche Dieb" erhielt er mehrfach Auszeichnungen, durfte gar als offizieller Syrien-Vertreter bei Festivals in Tunesien und Jordanien gastieren. In Videomitschnitten sieht man, dass die Inszenierungen, die sehr europäisch wirken, oft im Stil der Commedia dell'Arte waren. Mit dieser körperbetonten Spielweise konnte man vieles ausdrücken, was man nicht offen sagen durfte, erklärt Daoud.

2011 kam er einen Monat ins Gefängnis, nur weil er prominent war. wurde er frei gelassen. Schließlich flüchtete Daoud, der durch Schauspielrollen in TV-Serien Kontakte zur Filmindustrie hatte, zuerst in den Libanon, arbeitete dort als Synchronsprecher und abends in einem Restaurant. Jetzt blickt er nach vorn. Gerade hat er ein Praktikum im Sulzbacher Krankenhaus absolviert, gestern die x-te Deutschprüfung abgelegt, plant Theaterprojekte mit jungen Flüchtlingen. "Vielleicht", sagt er bescheiden", bekomme ich ja mal ein Praktikum am Staatstheater".

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